Theater im Depot | Kiran Kumār & Matthias Härtig: „(RE)IMAG(IN)ING THE DIGITAL DOCUMENT OF DANCE“

Workshop Kiran Kumar 6 Foto Bernhard Siebert
Workshop Kiran Kumar 5 Foto Bernhard Siebert
Workshop Kiran Kumar 4 Foto Bernhard Siebert
Workshop Kiran Kumar 3 Foto Bernhard Siebert

Theater im Depot | Kiran Kumār & Matthias Härtig: „(RE)IMAG(IN)ING THE DIGITAL DOCUMENT OF DANCE“

FELLOW: Kiran KumāR, Matthias Härtig

MedienkunstfellowsFörderung

Laufzeit: September bis November 2023


Forschungsprojekt des Theater im Depot geht es nicht um die
Dokumentation einer Abfolge von Tanzschritten, sondern um das
Erfassen des Tanzes als universelle Bewegungsform mithilfe von
Computerprogrammierung. Nach fünf Jahren Feldforschung lässt
der Choreograf Kiraņ Kumār eine Fülle an archivarischen, archäologischen,
ethnografischen und choreografischen Materialien aus
Indien und Indonesien in dieses Experiment einfließen. Diese Materialien
werden mittels einer computerbasierten Angleichungsmethode
zu einer Art digitalen Essenz des Tanzes verarbeitet. So
soll eine bereinigte, körperlose Bewegung zum Vorschein kommen –
ein ‚Tanz der Pixel‘. Als alternatives digitales Tanzdokument entsteht
eine durchgehende Wolke aus sich bewegenden Pixeln. Diese
in Relation zum tanzenden Körper erzeugte Partikelwolke kommt
einer Visualisierung des yogischen Konzepts eines feinstofflichen
Körpers nahe, das die Grundlage der indischen somatischen Praxis
des Yoga bildet.

Der interdisziplinäre Künstler Kiraņ Kumār und der Software-Ingenieur Matthias Härtig arbeiten im Rahmen ihres Fellowships an hybriden computergestützten choreografischen Ansätzen zur digitalen Visualisierung des tanzenden Körpers. Auf der perspektivischen Ebene der „Somatik der Digitalität“ steht ihre Arbeit im Dialog mit dem yogisch-tantrischen Konzept eines „subtilen Körpers“, einem Ort der energetischen Verflechtung zwischen menschlicher Verkörperung und planetarischer Umwelt, und entwirft Skizzen für eine ökospirituelle Digitalität.

Kiraņ Kumār ist ein interdisziplinärer Künstler, Forscher
und Autor. Seine Arbeit konzentriert sich auf die Entschlüsselung
des menschlichen Körper-Geistes durch
eine dreifache Praxis des Tanzes als Kunst, Wissenschaft
und Ritual – daraus resultieren Vorschläge, wie dieses
Verständnis unsere heutige Welt bereichern kann. In Kumārs
Werken treten diese transdisziplinären Untersuchungen
durch Performance, Text, Video, Installation und
Archivierung als Publikationsformen in einen Dialog mit
drängenden persönlichen und globalen Problemen.

Matthias Härtig ist Programmierer für künstlerisch
interaktive visuelle Anwendungen, Real-Time Visual
Environments und Bühnenprojekte – speziell für die
Bereiche Tanz, Theater, Musik und Computerkunst.
Er ist Initiator der Arbeitsgemeinschaft DS-X.org und
Gründungsmitglied der Trans-Media-Akademie
Hellerau (TMA).

Workshop Expanding Inscriptions: somatic/graphic/choreographic/computational mit Kiraṇ Kumār

Dieser Workshop war eine zweitägige gemeinsame Erkundung unter der Leitung des Künstlers Kiraṇ Kumār. Er hat die fortlaufende gemeinsame choreografisch-computerbasierte Forschung zwischen Kiraṇ Kumār und dem Programmierer Matthias Härtig vorgestellt. Im ersten Teil wurden den Teilnehmer:innen ein somatisch-körperlicher Zugang zu geometrischer Zeichnung und Tanz vermittelt. Diese Praktiken leiten sich ab von den Hatha-Yoga-Techniken āsana (Körperhaltung) und prāṇāyāma (Atemmodulation) ebenso wie von kōlam-Zeichnungen in tamilischer Tradition. Darauf aufbauend wurden die choreographisch/computerbasierten Komponenten Prinzipien des Tempel-Tanzes aus ganz Indien und Indonesien erschlossen, die durch meditative Visualisierung hervorgehoben wurden. In diesem Prozess wurden die Teilnehmenden durch die Live-Generierung und Modulation digitaler Partikel durch Motion-Capturing unterstützt.
Der Workshop Expanding Inscriptions: somatic/graphic/choreographic/computational folgte einem offenen und partizipativen Ansatz zwischen Ritual, spirituellen und digitalen Elementen der Tanzpraxis.
Er bot eine Einführung in Kiraṇ Kumārs transdisziplinäre Praxis an der Schnittstelle von Tanz, bildender Kunst, neuen Medien und Schreiben. Durch Kumārs Auffassung von Wörtern, Bildern, Bewegungen, Klängen, Atem und Pixeln als plurale Modi der „Einschreibung“ rekonfiguriert sich Choreo-Graphie hier als eine Folge von tiefen Einschreibungen („Inscriptions“) in verschiedene Lebensräume: psycho-physische, soziopolitische, künstlerische, wissenschaftliche, philosophische, technologische Räume. 

Der Workshop fand am 19. + 20.11.2023 im Theater im Depot in Dortmund statt.

Das 2001 gegründete Theater im Depot in der Dortmunder Nordstadt, seit 2022 unter der künstlerischen Leitung von Jens Heitjohann, wurde als Produktions- und Spielstätte aus der Dortmunder freien Szene sowie durch das
FAVORITEN Festival bekannt. Mittlerweile liegt der Fokus auf überregionalen und internationalen Arbeiten aus dem Bereich der Performing Arts. Ein neues Tätigkeitsfeld besteht in der Etablierung einer Bühne für digitale und hybride Theaterformate (als Teil des Entwicklungsprojekts Digitale Kulturstadt Dortmund).

In der Folge des Podcasts behind the screens – behind the scenes spricht die Journalistin Sophie Emilie Beha mit Kiraņ Kumār, Matthias Härtig und Theaterleitung Jens Heitjohann über ihre Erfahrungen aus dem Projekt, welches das Erfassen von Tanz als universelle Bewegungsform erforscht. Dabei behilflich ist eine eigens programmierte digitale Capturingmethode, die eine Art digitale Essenz des Tanzes erstellt. In fünf Jahren Feldforschung hat Kiraņ Kumār eine Fülle an archivarischen, archäologischen, ethnografischen und choreografischen Materialien aus Indien und Indonesien in dieses Experiment einfließen lassen und damit einen Dialog mit der yogisch-tantrischen Praxis erzeugt. In einem abschließenden Workshop wurde Teilnehmenden eine transdisziplinäre Praxis an der Schnittstelle von Tanz, bildender Kunst und neuen Medien nähergebracht.

Credits: Fotos Workshop: © Bernhard Siebert | Portrait Kiraņ Kumār: © Ulf Langheinrich