From Web, Library, War to Fire, Garden, Feed
Universtität Duisburg-Essen | College for Social Sciences and Humanities der Universitätsallianz Ruhr | Zentrum für Netzkunst, Berlin |
Eine Metapher wirkt wie ein Fehler, ein falsch gesetztes Wort, etwas, das irritiert — und dann, seltsamerweise, doch Sinn ergibt. Als sprachliches Bild fügt sie Bedeutungen hinzu: Sie verweist auf eine Sache, indem sie eine andere nennt, und überträgt dabei die Affekte des einen Bereichs auf den anderen. In diesem Moment entsteht ein Riss, eine Dissonanz, die Imaginationen evoziert und zugleich Grenzen und Normen setzt, da manche Eigenschaften hervorgehoben und andere verdeckt werden. Metaphern durchdringen das alltägliche Leben – nicht nur unsere Sprache, sondern auch die Materialitäten, die uns umgeben. Und doch erkennen wir den metaphorischen Ursprung der Wörter, die wir benutzen, nur selten.
Das Internet ist voller Metaphern. Als der Computer und das Internet Ende der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre ihren ursprünglich militärischen und akademischen Kontext hinter sich ließen und sich im Alltag verbreiteten, florierten Metaphern: Sie boten eine gemeinsame Sprache, um die neue Technologie zugänglich und vertrauenswürdig zu machen. Das Internet wurde als etwas gefasst, das außerhalb von uns liegt, eine zu entdeckende Welt – ein „Cyberspace“ oder eine „Datenautobahn“. Heute ist das Internet in vielen Teilen der Welt integraler Bestandteil des Alltags. Im Zuge dessen sprechen wir kaum noch vom „Internet“ oder davon, „online zu gehen“, sondern benutzen nachgeordnete Begriffe, die unmittelbar auf unsere Tätigkeiten verweisen, wie „teilen“, „swipen“, oder „posten“.
Doch die Funktion, die Metaphern in der Sprache rund um Computer einnehmen, reicht noch tiefer. Ohne Metaphern könnten wir über und mit Computern gar nicht kommunizieren. Denn streng genommen beschränken sich unsere Interaktionen auf Klicken (mit einer Maus oder einem Trackpad), Tippen (auf einer Tastatur) oder Berühren (eines Touchscreens oder Trackpads); erst durch die Verbindung mit Metaphern und deren Verkörperung in Icons gewinnen unsere wiederholten Bewegungen an Bedeutung. So transferieren Metaphern algorithmische Prozesse in verständliche Zeichen auf dem Bildschirm und ermöglichen uns, ohne dass Programmierfähigkeiten nötig wären, digitale Objekte zu handhaben, zu verändern und zu manipulieren.
From Web, Library, War to Fire, Garden, Feed konzentriert sich auf einige der Schlüsselmetaphern unserer Imaginationen des Internets und Erfahrungen mit dem Digitalen. Die sechs Metaphern des Projekts formieren jeweils eine übergreifende Logik oder Vorstellung vom Internet. Sie greifen ineinander, bauen aufeinander auf oder konterkarieren sich. Dabei sind manche älter als andere und klingen bereits befremdlich, andere wiederum sind noch gebräuchlich oder gar allgegenwärtig. Die versammelten Metaphern entstammen der englischen Sprache und sind in einem eurozentrisch geprägten Internetgebrauch verwurzelt. Wir konzentrieren uns auf diese Begriffe, weil sie unserer eigenen Interneterfahrung nahestehen und viele andere Sprachen – darunter unsere eigene – geprägt haben.
Web wendet sich einer frühen Metapher zu, die sowohl Vernetzung als auch Verstrickung evoziert – vom Spinnennetz und rhizomatischem Denken bis hin zu algorithmischen Fallen, spider bots und Knoten der (Des-)Information. Library betrachtet das Internet als Archiv und universales Wissenssystem, gespiegelt in Ordnerstrukturen, Suchoberflächen und der anhaltenden Metapher der digitalen Speicherung. War adressiert das Internet als Ort des Konflikts – von Cyberwars und automatisierten Kriegseinsätzen bis zu Online-Propaganda, Hassrede und der Militarisierung von Sprache. Fire erfasst die Intensitäten des Internets: von überhitzten Rechenzentren und ihren Folgen für die Umwelt bis zu Firewalls, viralen Trends und der befeuernden Beschleunigung digitaler Aufmerksamkeit. Garden versteht das Internet als ein künstliches Biotop, bewohnt von Menschen, Bugs und Würmern, geprägt von Monokulturen und deren
data harvesting, aber auch von Graswurzelbewegungen wie Permacomputing, digitales Commoning und Bewildern. Schließlich erkundet Feed eine der prägendsten Metaphern des zeitgenössischen Internets. Sie beschreibt den endlosen Konsum und die ununterbrochene Einverleibung von Content – von Social-Media-Feeds und Doomscrolling bis zu den Aufmerksamkeitsökonomien, die User:innen nähren, erschöpfen und schließlich metabolisieren.
Text von: Tereza Havlíková, Julia Kochanek und Anneliese Ostertag
Grafik von: Sasha Weber
Das College for Social Sciences and Humanities der Universitätsallianz Ruhr ist eine interdisziplinäre Forschungsinstitution, die exzellente Forschung in den Sozial- und Geisteswissenschaften fördert. Es unterstützt innovative Forschungsgruppen und internationale Kooperationen zu gesellschaftlich relevanten Zukunftsfragen und verbindet die Universitäten Bochum, Dortmund und Duisburg-Essen. Sweat. Zur Soziologie des Schwitzens in einer heißer werdenden Welt ist eine von Elena Beregow geleitete Forschungsgruppe am College. Sie untersucht, wie Schwitzen, Hitze und thermische Regulation soziokulturell und politisch geprägt sind und wie sie in Zeiten des Klimawandels neu verhandelt werden.
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Tereza Havlíková arbeitet an Netzkunst (Hi)stories im kuratorischen, archivarischen und wissenschaftlichen Kontext. Julia Kochanek setzt sich forschend mit fotografischen Theorien und Praktiken sowie Bildkulturen auseinander. Anneliese Ostertag kuratiert und forscht an der Schnittstelle von Bildender Kunst und Performance mit einem Fokus auf queer-feministische Praktiken. Sasha Weber ist Grafikdesigner*in und Mitbegründer*in des queeren Fotowettbewerbs „Gaze“. Für das Fellowship arbeiten sie gemeinsam im Auftrag von Zentrum für Netzkunst, unterstützt von Prof. Dr. Elena Beregow vom College for Social Sciences and Humanities.
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Das Förderprogramm Medienkunstfellows ist ein Fellowship für Kunst, Technologie und Gesellschaft. Es setzt sich zum Ziel, Impulse und Ansätze aus anderen Regionen, Ländern und Kontinenten nach Nordrhein-Westfalen zu holen und somit neue Verknüpfungen mit internationalen Diskursen und Praxen der Medienkunst und digitalen Kultur herzustellen.

