Imitation Machines

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Imitation Machines


Alex Bartsch | Integrationshaus e.V.

Allg. Projektförderung Medienkunst 2026Förderung

Künstliche Intelligenz (KI) gilt als zentrale Zukunftstechnologie, die gesellschaftliche, ökonomische und politische Prozesse tiefgreifend transformiert. Gleichzeitig zeigt sich, dass  KI-Systeme bestehende globale Ungleichheiten nicht nur widerspiegeln, sondern aktiv reproduzieren. Diskriminierende Algorithmen, ausbeuterische Datenökonomien und ein asymmetrischer Zugang zu technologischer Infrastruktur erscheinen als strukturelle Kontinuitäten, die an koloniale Ausbeutungsverhältnisse anknüpfen.
Das Forschungsprojekt „Imitation Machines“ sieht diese Zusammenhänge als gegeben an und geht einen Schritt weiter. Die These lautet, dass KI jene Ungleichheitsverhältnisse nicht nur reproduziert und perpetuiert, sondern dass die Genese von Künstlicher Intelligenz unmittelbar auf historischen Ausbeutungsverhältnissen basiert und durch diese informiert ist.

Den Ausgangspunkt der Forschung bildet ein Videokunst-Projekt über KI-gestützte Automatisierung der Suizidprävention in Gefängnissen, das seit 2024 in Arbeit ist. Der Film dokumentiert die Entwicklung einer KI, die suizidale Handlungen von Haftgefangenen in nordrhein-westfälischen JVAs detektieren soll, um einen Alarm auszulösen. Dazu haben die Software-Entwickler:innen in ihrem Büro eine Gefängniszelle nachgebaut und Menschen engagiert, die suizidales und nicht suizidales Verhalten in der Zelle nachspielen, während das KI-System über Überwachungskameras zusieht und „lernt“.

Im Vergleich zur freien Bevölkerung ist die Suizidrate in Gefängnissen zehnmal höher. Gefangenensuizide werden in der Regel von der Gefängnisleitung als solche erklärt und nicht weiter unabhängig untersucht. Gefangenen-Suizide werden auf der Management-Ebene der Institution als Versicherungsfälle betrachtet. Automatisierte Suizidprävention könnte helfen, die Versicherungsraten zu drücken. Sie kann eine Rechtfertigung schaffen, therapeutische Stellen in Gefängnissen abzubauen, und damit Kosten zu sparen. Automatisierte Suizidprävention in Gefängnissen adressiert ein Symptom, nicht die Ursachen. Indem sie Suizidraten auf dem Papier senkt, kann sie dazu dienen, Argumente für einen humaneren Strafvollzug politisch zu schwächen. Ein weiteres Ziel ist die Erhaltung von Arbeitskraft, denn Gefängnisse sind in Deutschland Orte der industriellen Produktion.

Die Forschung im Rahmen des Fellowships knüpft an diesem Phänomen der Gegenwart an und erforscht die historischen Bedingungen solcher KI Systeme: zum einen die gemeinsame Geschichte von Fabrik und Gefängnis im protestantischen Europa des 17. Jahrhunderts, zum anderen der Einsatz früher Technologien für Suizidprävention auf Schiffen des transatlantischen Sklav:innenhandels des 18. Jahrhunderts.

Das Medienkunst-Fellowship NRW erscheintals idealer Rahmen, diesen Themenkomplex umfassend zu erforschen. Über die Zeit des Fellowships planen wir zudem ein Programm von Workshops und Panel-Dikussionen mit Vertreter.innen aus postkolonialer Theorie, kritischer Suizidologie und AI-Studies.

Das Ziel der Forschung und der künstlerischen Arbeit wird dabei nicht nur die kritische Analyse der Verhältnisse sein. Vielmehr fragt Imitation Machines auch nach Strategien der Widerständigkeit, der Dekolonisierung, der Abolition. Dazu entsteht mit Klient:innen und Freund:innen des Integrationshauses eine filmische Arbeit über Polizeirepression und strukturellen Rassismus.

Alex Bartsch (geb. 1984 in Hildesheim) ist ein in Leipzig lebender Filmemacher und Medienkünstler. Er studierte Politikwissenschaft, Architektur und Kunstgeschichte in Bonn,  anschließend Medienkunst an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig bei Peggy Buth sowie in der Klasse „Expanded Cinema“ bei Clemens von Wedemeyer und Mareike Bernien. Währenddessen arbeitete er als Altenpfleger, persönlicher Assistent, im Online-Marketing, im Medienmonitoring, als wissenschaftlicher Mitarbeiter sowie als Produzent von Tagungsfilmen für Universitäten und Institutionen. Er war als Autor und Regisseur  für Dokumentarfilme im deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehen  (Arte, 3Sat, ARD) sowie in der Jugendfilmbildung tätig. Seit 2022 liegt sein Schwerpunkt auf künstlerischem Dokumentar- und Essayfilm.


Das Förderprogramm Allgemeine Projektförderung Medienkunst unterstützt Projekte und Ausstellungsvorhaben im Kontext der Medienkunst, die künstlerische Positionen der Medienkunst erforschen, präsentieren, thematisieren und zielgruppenspezifisch vermitteln möchten. Ein wichtiges Ziel ist die Erforschung, der Erhalt und die Präsentation des Medienkunstbestandes in Nordrhein-Westfalen.