Die Welt ist nicht genug – Longtermism als Moralphilosophie des Untergangs
Felix Maschewski und Anna-Verena Nosthoff
„Dass es ‚so weiter‘ geht, ist die Katastrophe.“
„More future!“, das Motto der MedienKunstTage NRW 2025, kann als Verheißung und Versprechen gelesen werden; als ein Aufruf, angesichts einer Vielzahl von gegenwärtigen Krisen – von ökonomischen, politischen bis hin zu ökologischen – über diese hinauszuschauen, um sich nicht dem Phlegma der Ohnmacht zu ergeben, die Horizonte der Vorstellung zu öffnen und um die Gegenwart mit einer radikalen Andersheit aufzuladen. Das Motto kann allerdings auch als Verhängnis oder gar, wie Jacob Birken auf dem Panel „Unerreichbare Gegenwart, unvermeidliche Enden“ (auf dem wir leider passen mussten) bemerkte, als „Verengung“[1] verstanden werden; als eine Art Drohung, in der die Zukunft als bloße Gegenwartsverlängerung nur im Singular erscheint, als eine luftdichte, ganz spezifische Version des So-und-nicht-anders, in der die offenen Möglichkeitshorizonte und die Kontingenzen des Lebens nach nur einer Seite aufgelöst werden. Zukunft erschiene dann nur als ein „Mehr“ von dieser einen Gegenwart – oder mit Walter Benjamin gesprochen: „Dass es ‚so weiter‘ geht, ist die Katastrophe. Sie ist nicht das jeweils Bevorstehende sondern das jeweils Gegebene.“[2]
Dieser Ambivalenz, diesem Schwanken zwischen Verheißung und Verhängnis wollten auch wir in unserem geplanten Input nachspüren. Ziel war es, eine Vision von Zukunft zu konturieren, die uns, wie Laura Hille hellsichtig formulierte, „Ende und Lösung gleichzeitig verkauft“[3]. Denn wer sich mit den Ideologien der Silicon-Valley-Elite beschäftigt, muss erkennen, dass ihr Denken, Sprechen und Handeln von allerlei Endzeitszenarien, von der „Zukunft als Katastrophe“[4] fasziniert scheint: Zerstörungsvisionen von der Auslöschung der Menschheit, vom Zusammenbruch von Staat und Gesellschaft, von der Apokalypse oder der Implosion der Welt an sich schlagen hier seit längerem erstaunliche Volten. Als diskursive Drehmomente sind sie notorisch, zuweilen gar zum Marketingclaim mancher Unternehmung(en) geworden.
Während Teile der Tech-Elite – wie OpenAI-CEO Sam Altman, Meta-CEO Mark Zuckerberg oder Mitgründer von Paypal und Palantir Peter Thiel – ganze Inseln kaufen, Bunkeranlagen bauen und sich im Prepping üben, um sich vor Naturdesastern, nuklearen Bomben, künstlichen Viren und Intelligenzen zu schützen, gehen Tesla-CEO Elon Musk oder Amazon-Gründer Jeff Bezos noch einen Schritt weiter. Sie streben mit SpaceX bzw. Blue Origin nicht die Flucht unter die Erde, sondern von der Erde an, projizieren einen kommerziell durchmöblierten Katastrophen-Exit für das extraterrestrische Überleben im All. Damit zeichnen die CEOs einerseits einen Ideenhorizont, der alte Geschichte(n) wenig innovativ reanimiert. Andererseits treten sie als Apologeten einer moralphilosophischen Denkschule auf, die mit dem Ende der Menschheit nicht nur rechnet, sondern auf dieses spekuliert und unter dem Namen Longtermism firmiert.
Elon Musk, der mit seinem Raumfahrtunternehmen SpaceX den Diskurs – besonders über seine Propagandaplattform X, auf der er zuletzt vom Technolibertären zum Technofaschisten mutierte – bestimmt; der immer wieder von der „human extinction“, mal via KI, mal durch das Verglühen der Sonne, spricht und die Menschheit bekanntermaßen zur „multiplanetary species“[5] machen will bzw. den Mars als Planet B annonciert, wäre hier das wohl treffenste, wenn auch allzu häufig diskutierte Beispiel. Weil Jeff Bezos’ Vision vom extraterrestrischen Leben weniger bekannt ist, weniger laut induziert wird, werden wir den Fokus dieses Essays – wie auch im Input geplant – vor allem auf die Projekte seines Raumfahrtunternehmens Blue Origin legen, um im Anschluss, wie angedeutet, das ihnen zugrunde liegende Ideologem genauer zu profilieren.
O’Neill 2.0: Das Leben im rotierenden Zylinder
Von Blue Origin ist zumeist dann in den Medien die Rede, wenn wieder einmal Prominente (zuletzt etwa die Sängerin Katy Perry) den zehnminütigen Weltraumflug und die körperliche Schwerelosigkeit nutzen, um die eigenen Erfahrungs- und ‚instagrammable‘ Darstellungsweisen anzureichern, und den Perspektivwechsel (Overview) weniger als einschneidendes, emotionales Erlebnis denn als Effekt fürs Selbstmarketing entdecken. Jenseits dieser kurzlebigen Sensationen hat Bezos mit seinem Unternehmen – wie er in der Keynote „For the Benefit of Earth“ 2019 darlegte – jedoch größere, ernstere Ziele. Er sieht die Menschheit polykrisenbedingt vor einer „very long list of urgent and immediate problems“ stehen, meint damit Armut, Hunger oder den Klimawandel. Diese Probleme versucht er einerseits, mit dem von ihm gegründeten Earth Fund zu lösen – bis 2030 will Bezos hier allein über 10 Mrd. USD für neue Projekte und Technologien bereitstellen, wie. z.B. elektrische Schulbusse oder 0-Emissionen-Transportschiffe. Andererseits will der Amazon-Gründer auch unseren Zeit- und Denkhorizont erweitern: „there are also long-term problems“ – womit er nicht die klimakatastrophischen Notlagen – von Überschwemmungen, Dürren, Bränden oder Gletscherschmelzen – meint, sondern die schwindenden Energieressourcen der Erde. Die Energiegewinnung durch Wind oder Sonne könnten den Bedarf nicht decken, alsbald kämen Öl und Gas an ein Ende, und so sei die Erde zu klein für die Möglichkeiten der Menschen. Wir müssten uns langfristig, gibt Bezos in seiner Keynote zu bedenken, zwischen Stillstand oder Wachstum entscheiden.[6]

Der Unternehmer Bezos will natürlich keine „Grenzen des Wachstums“ (1972) akzeptieren, hat für die long-term problems, auch long-term Lösungen und verlängert den dem Silicon Valley eigenen Solutionismus – also die Idee, dass Technik jedes Problem lösen kann – ins Universum. So schwärmt er von freischwebenden Weltraumkolonien und revitalisiert dabei ein Konzept, das schon vor mehr als 50 Jahren als idiosynkratischer Abspann der Wachstumskritik fungierte: Die sogenannten O’Neill-Zylinder.
Der Princeton-Professor und Gründer des Space Studies Institute, Gerard O’Neill, beschrieb in seinem 1975 erschienen Buch „High Frontier“ Pläne, den Weltraum mittels riesiger, rotierender Hohlräume beziehungsweise Zylinder zu besiedeln. Durch Rotation sollte dabei eine die Schwerkraft ersetzende Zentrifugalkraft erzeugt werden, die es Menschen in diesen „Space Colonies“ ermöglichen sollte, sich nicht nur ähnlich wie auf der Erde zu bewegen, sondern auch – obgleich tausende Kilometer von dieser entfernt – wie ebendort zu leben. Tech-Aficonados des Silicon Valley, wie etwa der frühe Internet-Entrepreneur Stewart Brand, beschrieben diese Pläne schon damals mit augenöffnender wie pupillenerweiterter – Brand experimentierte zu dieser Zeit mit LSD – Euphorie: „O’Neills Vision der Weltraumkolonien hat das Universum für die Menschen auf den Kopf gestellt. Anstatt das Weltraumprogramm als „Zeitverschwendung für Wissenschaftler“ zu betrachten, können die Menschen im All nun einen Pfad oder zumindest eine Metapher für ihre eigene Befreiung erkennen. […] Neu ist, dass sich die Menschen die Welt aus der Zukunft und dem Außen erschließen, statt nur aus der Vergangenheit und dem Inneren. Das Thema ist FREE SPACE.“[7] Dieser Freiraum war von O’Neill auch recht geräumig geplant: Ein erstes Modell für etwa 10000 Menschen – Island One genannt – sollte über 30 Kilometer lang sein, knapp acht Kilometer Durchmesser haben. Mit den Kosten des Apollo Programms und einer Bauzeit von 15-25 Jahren war es nicht wenig optimistisch kalkuliert – wobei die Materialien für den Bau dann fast schon selbstverständlich vom Mond, aber auch von Asteroiden stammen sollten.[8]
So boten die Zylinder nicht nur ambitionierte Pläne, sondern, wie etwa Brand betont, auch einen erreichbaren Horizont für das Leben im Outer Space. Beseelt vom Glauben an das Ingenieursingenium waren die Zylinder dann Kinder ihrer Zeit: Es handelte sich um kybernetische, homöostatische Systeme, in denen neben den Landschaften auch die Bedingungen – Sauerstoffgehalt, Sonneneinstrahlung etc. – leicht regulierbar, harmonisch-ausgewogene Lebensweisen möglich sein würden. Eine futuristische Welt, die das Paradies im Suburbia des American Dreams erkennt, alles in helle Pastelltöne und in die sanft geschwungen Formen des Atomic Age Designs taucht – ein schon in 1970er Jahren ästhetisch etwas angelaufener Modernismus, aber durchaus effektvoll.


Als ehemaliger Student von O’Neill in Princeton ist es kaum verwunderlich, dass auch Jeff Bezos das zukünftige Habitat der Menschheit in solchen rotierenden Hohlräumen wiedererkennt. So bewirbt er die „engineered territories“ (Alina Utrata) in seiner Keynote als schöne, neue Welt(en) – beschreibt sie als frei von natürlichen Fährnissen wie Erdbeben, Hurricanes, Dürren oder gar Mücken. Je nach Geschmack wird dabei ein architektonischer Ideenkosmos massiert, der mal an den Corn Belt des Mittleren Westens gemahnt, mal an schweizerische Dorf- oder norditalienische Stadtidyllen. Es sind kitschig-künstliche Kopien; ein Vorstellungshorizont aus der Retorte, der den Las Vegas Strip zur ästhetischen ultima ratio erklärt und nur in perfekt ausgelevelten Wetter denken kann: „like Maui on its best day“[9].


[Bilder aus der Präsentation: https://www.youtube.com/watch?v=GQ98hGUe6FM&t=1955s]
Das etwas angestaubte Remake von O‘Neill bildet allerdings nur den geistigen Fluchtpunkt, eine long-term Vision des Milliardärs. Zuvor und auf dem extraterrestrischen Weg dorthin strebt Bezos kleinere Projekte an: Angelehnt an Donald Trumps bereits 2017 formulierter Direktive, wieder Astronauten über das Artemis-Projekt (das weitgehend auf privatwirtschaftlich betriebene Trägersysteme – von SpaceX wie Blue Origin – setzen soll) auf den Mond zu schicken, will auch er auf dem Mond Basen errichten. Diese will er sowohl zum Ziel der Weltraumtrips machen als auch für den automatisierten Abbau von Ressourcen nutzen. Denn Bezos plant auf dem Mond u.a. Wasser in Wasserstoff umzuwandeln, diesen als Antriebsmittel für seine Raketen zu nutzen, und damit weitere Landnahmen, z.B. von Asteroiden, möglich zu machen. Er schwärmt in diesem Zusammenhang von „infinite resources“ und stellt sich als Antwort auf die Belastungen der Erde vor, neben schweren Industrien auch Data Center im Weltraum schweben zu lassen: Alles, was auf der Erde schlechte Laune und Luft macht, soll outgesourced bzw. outgespaced werden. Genau dafür entwickelt Blue Origin schon jetzt viel Transportgerät – von der Trägerrakete New Glenn über den Cargo Carrier Blue Moon bis hin zum „business park“ Orbital Reef, wobei Bezos über das Geschäftsmodell von Amazon hinausgehen will. Während der Großhändler nämlich die Logistik für den irdischen Alltag stellt, soll Blue Origin gar zur Infrastruktur des Lebens im All werden. Die Firma könnte, wie Bezos erklärt, die Straße bzw. „Road to Space“ sein: die essenzielle Plattform, die – gern auch in Zylinderform – die Grenze zwischen Bio- und Technosphäre auflöst und das Drehmoment für ein Kapitalozän im All bestimmt. Kurzum: Blue Origin soll die Plattform für eben jene imaginierte „incredible civilization“ sein, die jegliche Größenmaße unserer Vorstellungskraft sprengen soll. In Bezos’ Worten: „we could have a trillion humans in the solar system, we could have thousands Mozarts and thousands Einsteins.“[10]
Natürlich klingen solche Vorstellungen bestenfalls halluziniert, und die Historikerin Mary-Jane Rubinstein bemerkt in diesem Zusammenhang zu Recht, dass die Logik auch tausend Hitlers oder Stalins produzieren würde.[11]
Doch Bezos denkt nicht in Widersprüchen, sondern in Lösungen – denn er will die Probleme, die der Kapitalismus und Kolonialismus der Vergangenheit erzeugt, durch den Kapitalismus und Kolonialismus der Zukunft kassieren. So sollen im Wunschdenken des Tech-Milliardärs einstmals extraterrestrische Space-Entrepreneurs neue Grenzen und Welten erkunden, erobern, kolonisieren, um schließlich neue Ressourcen für neues Wachstum zu erschließen. Diese mehr als fragwürdige Strategie ist allerdings, wie bereits angedeutet, nicht (allein) das Resultat ein irrgelaufenen Science-Fiction-Lektüre oder das bloße Nachkauen vergangener Projektionen von O’Neill und Co. Hinter solchen Plänen steht ein Theoriegebäude, das seit ungefähr zwanzig Jahren existiert und sukzessive das Denken der Tech-Elite geprägt hat: der Longtermism.[12]
Longtermism: „existenziellen Risiken“ irrer Zukunftsphantasmen
Die Morallehre des Longtermism geht nicht auf Kants berühmte Formel zurück, nach der der „bestirnte Himmel über mir“ das Herz so erfülle wie das moralische Gesetz in mir. Tonangebend ist vielmehr der langjährig an der Universität Oxford lehrende Moralphilosoph Nick Bostrom, der als Direktor des – u.a. auch von Elon Musk mitfinanzierten – „Future of Humanity Institute“ (bis 2024) etliche Konzepte dieser Denkschule prägte. Der Longtermism ist in einer Kombination aus utilitaristischer Ethik und Wahrscheinlichkeitsrechnung begründet und setzt auf einen weitreichenden Perspektivwechsel: die Moralphilosophie, die sich in der Tradition der Aufklärung sieht,[13] geht davon aus, dass die real existierenden Menschen der Gegenwart den gleichen „Wert“ haben wie zukünftig lebende. Weil dies so sei, hätten wir schon heute, wie Asher Kessler erklärt, „a moral imperative to direct contemporary resources to protect and benefit the long-term future.“[14]
So limitieren Longtermisten ihre moralische Verpflichtung nicht auf einzelne Menschen im Hier und Jetzt oder die Bewältigung gegenwärtiger Problemlagen. Sie sind auf die – daher der Name – lange Frist fokussiert, denken in Jahrtausenden und damit auch über größere Katastrophen nach. In der Diktion Bostroms geht es genauso um „existenzielle Risiken“[15] (x-risks) wie um die Zerstörung der Erde und die Auslöschung der Menschheit selbst. In diesem Kontext jonglieren Vertreter der Denkschule oft mit unterschiedlichsten wahrscheinlichkeitstheoretisch grundierten Szenarien, von Asteroideneinschlägen über „Doomsday Machines“ bis hin zu einer freidrehenden KI. Gerade bei dem letztgenannten „KI-Übernahme-Szenario“[16] (Bostrom), das seit der Emergenz allerlei Chatbots nicht nur in den Köpfen allerlei Oxforder Philosophen, sondern – vermittelt über Tech-CEOs und ihre offenen Briefe – weltweit kursiert, wird deutlich, wie longtermistische Theoreme öffentliche Diskurse prägen bzw. perforieren.
Vor diesem Hintergrund sind die Weltraumpläne Elon Musks oder auch Jeff Bezos zu lesen. Als moralphilosophische Lösungen für „x-risks“ beworben,[17] sollen sie nicht nur das Überleben und das Wachstum der Menschheit sichern und sind dabei ganz grundlegend – Musk, aber auch Bill Gates empfahlen dessen Bücher immer wieder – vom Denken Bostroms informiert. Denn während dieser angesichts der x-risks in manchen Szenarien den Nutzen globaler, panoptischer Überwachungssysteme – von Menschen, aber auch tödlichen Viren – hervorhebt, erklärt er in überdimensionierter, utilitaristich-argumentierter Diktion in Aufsätzen wie „Astronomical Waste“, dass vor allem die Weltraumkolonisation entscheidend für das Überleben der Menschheit sei. Allein auf einem ‚Durchschnittsplaneten‘ wären 10^10 Menschenleben, im Virgo-Superhaufen sogar 10^23 möglich,[18] wobei es kaum verwundert, dass auch er wie Bezos von O’Neill-Zylindern träumt, in denen Menschen in der Größenordnung von 10^43 leben könnten.[19] Ferner plädiert Bostrom für KI-betriebene, sogenannte Von-Neumann-Sonden aus „Maschinen, die interstellare Entfernungen überwinden und Ressourcen wie Asteroiden, Planeten und Sterne dazu verwenden, um sich zu vervielfältigen“. Solche Erfindungen könnten helfen, den Weltraum bis in die letzten Winkel zu kolonisieren.
Was in diesen Zukunftsphantasmen offenkundig wird, ist die grundsätzlich recht fragwürdige moralphilosophische Grundierung, die mehr von den Irrläufen zahlenbesessener Science Fiction und utilitaristisch-getunter Wertzuschreibungen denn einem ethisch-moralischen Kompass geleitet scheint. Womit auch ein erstaunlich bornierter geschichts- wie gegenwartsvergessener Relativismus einhergeht: Denn in ihren Berechnungen schätzen longtermistische Denker beispielsweise die Klimakatastrophe als weniger zerstörerisch ein als die „x-risks“ unzurechnungsfähiger KIs, da, so die Argumentation, viele Menschen die ökologischen Verheerungen überlebten. Futurologisch wie mathematisch kann diese Sicht vielleicht überzeugen, für die Menschen der Gegenwart und auch die der nahen Zukunft ist sie fatal. Unmittelbare Herausforderungen und akutes Leid werden nicht nur vernachlässigt,[20] sondern die Bekämpfung der Klimakatastrophe in der Konzentration auf allzu zerstörerische Zukünfte zuweilen gar delegitimiert. So schätzt der Oxforder Philosoph, Ethiker und langjähriger Kollege Bostroms, Toby Ord, die Wahrscheinlichkeit, dass die Klimakrise im nächsten Jahrhundert zu einer existenziellen Katastrophe wird, mit 0,0001% bis 0,05% ein und geht davon aus, dass die ökologische Notlage – weil sich die natürlichen Desaster nur auf begrenzte Landstriche erstreckten – nicht-existenziell für die Menschheit an sich verlaufe.[21] Ihr folge kein Massenaussterben, sodass Ressourcen – mit Blick auf das langfristige Überleben und die versprochenen Billionen Menschenleben – womöglich lieber zur Reduktion von x-risks genutzt werden sollten. Überlegungen, an die sich auch Bostroms Denken anschließen lässt: „the expected value of reducing existential risk by a mere one billionth of one billionth of one percentage point is worth a hundred billion times as much as a billion human lives.“[22]
Wider die autoritäre Astropolitik
Genau in diesem Kontext lassen sich auch die Weltraumflüge und Experimente mit den größten Trägerraketen von SpaceX und Blue Origin deuten. Denn um die himmlische Existenz im All – sei es auf dem Mond, auf dem Mars oder in den blühenden Landschaften der O’Neillschen Hohlräume – zu ermöglichen, jagen die CEOs genau mit ihren Raketen immer auch tausende Tonnen giftiges Sauerstoff-Methan-Gemisch als Treibstoff in die Luft bzw. Erdatmosphäre – von den ökologischen Problemen, die aus der Grundlage ihres Reichtums, das heißt den Plattformen von Amazon bis X, den KI-Services von Amazon Web Services bis xAI (Grok) ergeben,[23] ganz zu schweigen. Das vermeintlich langfristige Denken ist schon kurzfristig desaströs, und so erscheint es fast folgerichtig, dass die CEOs aus dem Silicon Valley mehr und mehr politisch autoritären Neigungen frönen, sich in der Rolle der Teilzeit-Zerstörer des Staates bzw. der liberalen Demokratie (siehe Musk und sein DOGE-Projekt) neuerfinden und ihre Ideen in astropolitisch- nationalistische Dimensionen gießen: „[W]e will pursue our manifest destiny into the stars“, erklärte Donald Trump in seiner Antrittsrede 2025, „launching American astronauts to plant the Stars and Stripes on the planet Mars.“[24] Schon 2028 soll, wie Trump noch vor Weihnachten 2025 per Dekret verkündete, der Mond wieder einmal betreten werden, auch um „the next steps in Mars exploration“[25] einzuleiten. So bestimmen Musks und Bezos extraterrestrische Fantasien die Konturen einer neuen Weltraumpolitik und -ökonomie, die sich in exklusiven Reisen, geplanten Mondstationen und rotierenden Businessparks im All konturiert und dabei zugleich auf eine ganz spezifische Form von Zukunft zielt; eine Zukunft, die ein „Mehr“ von allem und jedem verspricht und doch nur als bloße Wiederkehr des Immergleichen erscheint: mehr desaströser Kapitalismus, mehr Kolonialismus, mehr Macht in den Händen einzelner, politisch-autoritärer Gestalten.
Der Longtermism, der durch große Zahlen, weite Entfernungen (zeitlich wie räumlich), durch Doomsdaymarketing und die himmelstürmenden Visionen leicht von der erdenschweren Gegenwart ablenkt und Aufmerksamkeiten bindet, bildet eine wirkmächtige, durchaus risikoreiche Ersatzweltanschauung; ein ‚langfristiges‘ Denken, das den Möglichkeitsraum menschlicher Entwicklung auf die mathematischen Parameter bzw. utilitaristischen Werte des (überirdischen) Wachstums und Profits verkürzt; das mit enormen Mitteln und alten (durchaus reaktionären) Vorstellungen und Träumen die Offenheit, Pluralität und Kontingenz, das heißt den Freiraum, den die Zukunft bedeutet, zu überformen sucht – und letztlich jede wirkliche Veränderung ‚undenkbar‘ erscheinen lässt. In diesem Sinne: Vielleicht sollten wir nicht zu lang mit der allzu fernen Zukunft der CEOs rechnen und auf das schauen, was uns schon im Jetzt – an Mit-Menschen und Um-Welt – lieb und teuer, was uns nah ist. Womöglich verspricht gerade das ein „Mehr“ an Zukunft.
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[1] Jacob Birken, Paneldiskussion „Unerreichbare Gegenwarten, unvermeidliche Enden“, in: More Future! MedienKunstTage NRW 2025, https://vimeo.com/1140422973 [zuletzt abgerufen 17.12.2025].
[2] Walter Benjamin, Das Passagen-Werk, Frankfurt am Main 1983, S. 592.
[3] Laura Hille, Paneldiskussion „Unerreichbare Gegenwarten, unvermeidliche Enden“, in: More Future! MedienKunstTage NRW 2025, https://vimeo.com/1140422973 [zuletzt abgerufen 17.12.2025].
[4] Eva Horn, Zukunft als Katastrophe, Berlin 2014.
[5] Elon Musk, „Making Humans a Multi-Planetary Species“, in: New Space 5 (2017), 2, S. 46–61.
[6] Sämtliche Zitate von Jeff Bezos: Jeff Bezos, For the Benefit of Earth, Blue Origin Keynote 2019, https://www.youtube.com/watch?v=GQ98hGUe6FM&t=1955s, [zuletzt abgerufen 17.12.2025].
[7] Stewart Brand, „The sky starts at you feet“, in: Space Colonies, ders. (Hg.), San Francisco 1977, S. 5.
[8] Gerard O’Neill, „The High Frontier“ in: Space Colonies, ders. (Hg.), San Francisco 1977, S. 10f.
[9] Jeff Bezos, For the Benefit of Earth, Blue Origin Keynote 2019, https://www.youtube.com/watch?v=GQ98hGUe6FM&t=1955s, [zuletzt abgerufen 17.12.2025].
[10] Jeff Bezos, For the Benefit of Earth, Blue Origin Keynote 2019, https://www.youtube.com/watch?v=GQ98hGUe6FM&t=1955s, [zuletzt abgerufen 17.12.2025].
[11] Vgl. Mary-Jane Rubenstein, A tale of two utopias: Musk and Bezos in Outer Space, in: Metapolis, March 2022, https://metapolis.net/project/a-tale-of-two-utopias-musk-and-bezos-in-outer-space/ [zuletzt abgerufen 17.12.2025].
[12] Émile Torres und Timnit Gebru zählen den Longtermism zu einer wichtigen Ausprägung einer Vielzahl weiterer im Silicon Valley einflussreicher Ideologeme, die die Autor:innen unter dem Akronym TESCREAL (transhumanism, extroprianism, singularitarianism, cosmism, rationalism, effective altruism und longtermism) zusammenfassen. Timnit Gebru / Émile P. Torres, „The TESCREAL Bundle. Eugenics and the Promise of Utopia through Artificial General Intelligence“, in: First Monday 29 (2024), 4; online unter: https://firstmonday.org/ojs/index.php/fm/article/view/13636 [zuletzt abgerufen 17.12. 2025].
[13] Vgl. Anna-Verena Nosthoff, Felix Maschewski, Politik der dunklen Aufklärung, Dark MAGA und die rechtsautoritäre Wende im Silicon Valley, in: Mittelweg36, 5-6/2025, S. 70-90.
[14] Asher Kessler, Longtermism, Big Tech, and the Rebalancing of Historical Time: A
Benjaminian Critique, in: International Journal of Communication, 18/2024, S. 5363-5381, hier S. 5364.
[15] Nick Bostrom, „Existential risk prevention as global priority“. Global Policy, 4(1) 2013, S. 15–31.
[16] Nick Bostrom, Superintelligenz. Szenarien einer kommenden Revolution, Berlin 2014, S. 139.
[17] Nicht ohne Grund scheinen die Unternehmen von Musk mit dem Buchstaben „X“ gelabelt. Von der Plattform „X“ (vormals Twitter) bis „SpaceX“.
[18] Vgl. Nick Bostrom, „Astronomical Waste. The Opportunity Cost of Delayed Technological Development“, in: Utilitas 15 (2003), 3, S. 308–314, hier S. 309; online unter: https://nickbostrom.com/papers/astronomical-waste/ [zuletz abgerufen 18.12.2025].
[19] Vgl. Nick Bostrom, Superintelligenz. Szenarien einer kommenden Revolution, Berlin 2014, S. 145.
[20] Vgl. Alice Crary, „The toxic ideology of longtermism“, in: Radical Philosophy, 214, S. 49–57, hier S. 53f.
[21] Vgl. Toby Orb, The Precipice, Existential Risk and the Future of Humanity, London 2021, S. 119.
[22] Nick Bostrom, „Existential risk prevention as global priority“. Global Policy, 4(1) 2013, S. 15–31, hier S. 18-19.
[23] Beispielhaft: Um den Chatbot Grok von Elon Musks Firma xAI zu betreiben, werden Datacenter genutzt, die u.a. auf mobile Methangas-Turbinen setzen, was nicht nur klimatisch mehr als fragwürdig ist, sondern auch zu gesundheitlichen Schäden der Anwohner führt. Vgl. Rebecca Stegmann, Musks KI-Datenzentren verschmutzen die Luft in den USA, in: Surplus, 16.10.2025, https://www.surplusmagazin.de/ki-memphis-gas-xai-klima-verschmutzung-luft/ [zuletzt abgerufen 17.12.2025]
[24] Donald Trump, The Inaugural Address, 20.1.2025, https://www.whitehouse.gov/remarks/2025/01/the-inaugural-address/ [zuletzt abgerufen 18. 12. 2025].
[25] Executive Order, Ensuring American Space Superiority, 18.12.2025, https://www.whitehouse.gov/presidential-actions/2025/12/ensuring-american-space-superiority/ [zuletzt abgerufen 19.12. 2025].
