Die Welt ist nicht genug – Longtermism als Moralphilosophie des Untergangs

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Die Welt ist nicht genug – Longtermism als Moralphilosophie des Untergangs

DiskursEssay

Felix Maschewski und Anna-Verena Nosthoff
 
„Dass es ‚so weiter‘ geht, ist die Katastrophe.“
„More future!“, das Motto der MedienKunstTage NRW 2025, kann als Verheißung und Versprechen gelesen werden; als ein Aufruf, angesichts einer Vielzahl von gegenwärtigen Krisen – von ökonomischen, politischen bis hin zu ökologischen – über diese hinauszuschauen, um sich nicht dem Phlegma der Ohnmacht zu ergeben, die Horizonte der Vorstellung zu öffnen und um die Gegenwart mit einer radikalen Andersheit aufzuladen. Das Motto kann allerdings auch als Verhängnis oder gar, wie Jacob Birken auf dem Panel „Unerreichbare Gegenwart, unvermeidliche Enden“ (auf dem wir leider passen mussten) bemerkte, als „Verengung“[1] verstanden werden; als eine Art Drohung, in der die Zukunft als bloße Gegenwartsverlängerung nur im Singular erscheint, als eine luftdichte, ganz spezifische Version des So-und-nicht-anders, in der die offenen Möglichkeitshorizonte und die Kontingenzen des Lebens nach nur einer Seite aufgelöst werden. Zukunft erschiene dann nur als ein „Mehr“ von dieser einen Gegenwart – oder mit Walter Benjamin gesprochen: „Dass es ‚so weiter‘ geht, ist die Katastrophe. Sie ist nicht das jeweils Bevorstehende sondern das jeweils Gegebene.“[2]
 
Dieser Ambivalenz, diesem Schwanken zwischen Verheißung und Verhängnis wollten auch wir in unserem geplanten Input nachspüren. Ziel war es, eine Vision von Zukunft zu konturieren, die uns, wie Laura Hille hellsichtig formulierte, „Ende und Lösung gleichzeitig verkauft“[3]. Denn wer sich mit den Ideologien der Silicon-Valley-Elite beschäftigt, muss erkennen, dass ihr Denken, Sprechen und Handeln von allerlei Endzeitszenarien, von der „Zukunft als Katastrophe“[4] fasziniert scheint: Zerstörungsvisionen von der Auslöschung der Menschheit, vom Zusammenbruch von Staat und Gesellschaft, von der Apokalypse oder der Implosion der Welt an sich schlagen hier seit längerem erstaunliche Volten. Als diskursive Drehmomente sind sie notorisch, zuweilen gar zum Marketingclaim mancher Unternehmung(en) geworden.
 
Während Teile der Tech-Elite – wie OpenAI-CEO Sam Altman, Meta-CEO Mark Zuckerberg oder Mitgründer von Paypal und Palantir Peter Thiel – ganze Inseln kaufen, Bunkeranlagen bauen und sich im Prepping üben, um sich vor Naturdesastern, nuklearen Bomben, künstlichen Viren und Intelligenzen zu schützen, gehen Tesla-CEO Elon Musk oder Amazon-Gründer Jeff Bezos noch einen Schritt weiter. Sie streben mit SpaceX bzw. Blue Origin nicht die Flucht unter die Erde, sondern von der Erde an, projizieren einen kommerziell durchmöblierten Katastrophen-Exit für das extraterrestrische Überleben im All. Damit zeichnen die CEOs einerseits einen Ideenhorizont, der alte Geschichte(n) wenig innovativ reanimiert. Andererseits treten sie als Apologeten einer moralphilosophischen Denkschule auf, die mit dem Ende der Menschheit nicht nur rechnet, sondern auf dieses spekuliert und unter dem Namen Longtermism firmiert.
 
Elon Musk, der mit seinem Raumfahrtunternehmen SpaceX den Diskurs – besonders über seine Propagandaplattform X, auf der er zuletzt vom Technolibertären zum Technofaschisten mutierte – bestimmt; der immer wieder von der „human extinction“, mal via KI, mal durch das Verglühen der Sonne, spricht und die Menschheit bekanntermaßen zur „multiplanetary species“[5] machen will bzw. den Mars als Planet B annonciert, wäre hier das wohl treffenste, wenn auch allzu häufig diskutierte Beispiel. Weil Jeff Bezos’ Vision vom extraterrestrischen Leben weniger bekannt ist, weniger laut induziert wird, werden wir den Fokus dieses Essays – wie auch im Input geplant – vor allem auf die Projekte seines Raumfahrtunternehmens Blue Origin legen, um im Anschluss, wie angedeutet, das ihnen zugrunde liegende Ideologem genauer zu profilieren.
 
O’Neill 2.0: Das Leben im rotierenden Zylinder
 
Von Blue Origin ist zumeist dann in den Medien die Rede, wenn wieder einmal Prominente (zuletzt etwa die Sängerin Katy Perry) den zehnminütigen Weltraumflug und die körperliche Schwerelosigkeit nutzen, um die eigenen Erfahrungs- und ‚instagrammable‘ Darstellungsweisen anzureichern, und den Perspektivwechsel (Overview) weniger als einschneidendes, emotionales Erlebnis denn als Effekt fürs Selbstmarketing entdecken. Jenseits dieser kurzlebigen Sensationen hat Bezos mit seinem Unternehmen – wie er in der Keynote „For the Benefit of Earth“ 2019 darlegte – jedoch größere, ernstere Ziele. Er sieht die Menschheit polykrisenbedingt vor einer „very long list of urgent and immediate problems“ stehen, meint damit Armut, Hunger oder den Klimawandel. Diese Probleme versucht er einerseits, mit dem von ihm gegründeten Earth Fund zu lösen – bis 2030 will Bezos hier allein über 10 Mrd. USD für neue Projekte und Technologien bereitstellen, wie. z.B. elektrische Schulbusse oder 0-Emissionen-Transportschiffe. Andererseits will der Amazon-Gründer auch unseren Zeit- und Denkhorizont erweitern: „there are also long-term problems“ – womit er nicht die klimakatastrophischen Notlagen – von Überschwemmungen, Dürren, Bränden oder Gletscherschmelzen – meint, sondern die schwindenden Energieressourcen der Erde. Die Energiegewinnung durch Wind oder Sonne könnten den Bedarf nicht decken, alsbald kämen Öl und Gas an ein Ende, und so sei die Erde zu klein für die Möglichkeiten der Menschen. Wir müssten uns langfristig, gibt Bezos in seiner Keynote zu bedenken, zwischen Stillstand oder Wachstum entscheiden.[6]

Der Unternehmer Bezos will natürlich keine „Grenzen des Wachstums“ (1972) akzeptieren, hat für die long-term problems, auch long-term Lösungen und verlängert den dem Silicon Valley eigenen Solutionismus – also die Idee, dass Technik jedes Problem lösen kann – ins Universum. So schwärmt er von freischwebenden Weltraumkolonien und revitalisiert dabei ein Konzept, das schon vor mehr als 50 Jahren als idiosynkratischer Abspann der Wachstumskritik fungierte: Die sogenannten O’Neill-Zylinder.
 
Der Princeton-Professor und Gründer des Space Studies Institute, Gerard O’Neill, beschrieb in seinem 1975 erschienen Buch „High Frontier“ Pläne, den Weltraum mittels riesiger, rotierender Hohlräume beziehungsweise Zylinder zu besiedeln. Durch Rotation sollte dabei eine die Schwerkraft ersetzende Zentrifugalkraft erzeugt werden, die es Menschen in diesen „Space Colonies“ ermöglichen sollte, sich nicht nur ähnlich wie auf der Erde zu bewegen, sondern auch – obgleich tausende Kilometer von dieser entfernt – wie ebendort zu leben. Tech-Aficonados des Silicon Valley, wie etwa der frühe Internet-Entrepreneur Stewart Brand, beschrieben diese Pläne schon damals mit augenöffnender wie pupillenerweiterter – Brand experimentierte zu dieser Zeit mit LSD – Euphorie: „O’Neills Vision der Weltraumkolonien hat das Universum für die Menschen auf den Kopf gestellt. Anstatt das Weltraumprogramm als „Zeitverschwendung für Wissenschaftler“ zu betrachten, können die Menschen im All nun einen Pfad oder zumindest eine Metapher für ihre eigene Befreiung erkennen. […] Neu ist, dass sich die Menschen die Welt aus der Zukunft und dem Außen erschließen, statt nur aus der Vergangenheit und dem Inneren. Das Thema ist FREE SPACE.“[7] Dieser Freiraum war von O’Neill auch recht geräumig geplant: Ein erstes Modell für etwa 10000 Menschen – Island One genannt – sollte über 30 Kilometer lang sein, knapp acht Kilometer Durchmesser haben. Mit den Kosten des Apollo Programms und einer Bauzeit von 15-25 Jahren war es nicht wenig optimistisch kalkuliert – wobei die Materialien für den Bau dann fast schon selbstverständlich vom Mond, aber auch von Asteroiden stammen sollten.[8]
 
So boten die Zylinder nicht nur ambitionierte Pläne, sondern, wie etwa Brand betont, auch einen erreichbaren Horizont für das Leben im Outer Space. Beseelt vom Glauben an das Ingenieursingenium waren die Zylinder dann Kinder ihrer Zeit: Es handelte sich um kybernetische, homöostatische Systeme, in denen neben den Landschaften auch die Bedingungen – Sauerstoffgehalt, Sonneneinstrahlung etc. – leicht regulierbar, harmonisch-ausgewogene Lebensweisen möglich sein würden. Eine futuristische Welt, die das Paradies im Suburbia des American Dreams erkennt, alles in helle Pastelltöne und in die sanft geschwungen Formen des Atomic Age Designs taucht – ein schon in 1970er Jahren ästhetisch etwas angelaufener Modernismus, aber durchaus effektvoll.

Als ehemaliger Student von O’Neill in Princeton ist es kaum verwunderlich, dass auch Jeff Bezos das zukünftige Habitat der Menschheit in solchen rotierenden Hohlräumen wiedererkennt. So bewirbt er die „engineered territories“ (Alina Utrata) in seiner Keynote als schöne, neue Welt(en) – beschreibt sie als frei von natürlichen Fährnissen wie Erdbeben, Hurricanes, Dürren oder gar Mücken. Je nach Geschmack wird dabei ein architektonischer Ideenkosmos massiert, der mal an den Corn Belt des Mittleren Westens gemahnt, mal an schweizerische Dorf- oder norditalienische Stadtidyllen. Es sind kitschig-künstliche Kopien; ein Vorstellungshorizont aus der Retorte, der den Las Vegas Strip zur ästhetischen ultima ratio erklärt und nur in perfekt ausgelevelten Wetter denken kann: „like Maui on its best day“[9].

[Bilder aus der Präsentation: https://www.youtube.com/watch?v=GQ98hGUe6FM&t=1955s]

Das etwas angestaubte Remake von O‘Neill bildet allerdings nur den geistigen Fluchtpunkt, eine long-term Vision des Milliardärs. Zuvor und auf dem extraterrestrischen Weg dorthin strebt Bezos kleinere Projekte an: Angelehnt an Donald Trumps bereits 2017 formulierter Direktive, wieder Astronauten über das Artemis-Projekt (das weitgehend auf privatwirtschaftlich betriebene Trägersysteme – von SpaceX wie Blue Origin – setzen soll) auf den Mond zu schicken, will auch er auf dem Mond Basen errichten. Diese will er sowohl zum Ziel der Weltraumtrips machen als auch für den automatisierten Abbau von Ressourcen nutzen. Denn Bezos plant auf dem Mond u.a. Wasser in Wasserstoff umzuwandeln, diesen als Antriebsmittel für seine Raketen zu nutzen, und damit weitere Landnahmen, z.B. von Asteroiden, möglich zu machen. Er schwärmt in diesem Zusammenhang von „infinite resources“ und stellt sich als Antwort auf die Belastungen der Erde vor, neben schweren Industrien auch Data Center im Weltraum schweben zu lassen: Alles, was auf der Erde schlechte Laune und Luft macht, soll outgesourced bzw. outgespaced werden. Genau dafür entwickelt Blue Origin schon jetzt viel Transportgerät – von der Trägerrakete New Glenn über den Cargo Carrier Blue Moon bis hin zum „business park“ Orbital Reef, wobei Bezos über das Geschäftsmodell von Amazon hinausgehen will. Während der Großhändler nämlich die Logistik für den irdischen Alltag stellt, soll Blue Origin gar zur Infrastruktur des Lebens im All werden. Die Firma könnte, wie Bezos erklärt, die Straße bzw. „Road to Space“ sein: die essenzielle Plattform, die – gern auch in Zylinderform – die Grenze zwischen Bio- und Technosphäre auflöst und das Drehmoment für ein Kapitalozän im All bestimmt. Kurzum: Blue Origin soll die Plattform für eben jene imaginierte „incredible civilization“ sein, die jegliche Größenmaße unserer Vorstellungskraft sprengen soll. In Bezos’ Worten: „we could have a trillion humans in the solar system, we could have thousands Mozarts and thousands Einsteins.“[10]
 
Natürlich klingen solche Vorstellungen bestenfalls halluziniert, und die Historikerin Mary-Jane Rubinstein bemerkt in diesem Zusammenhang zu Recht, dass die Logik auch tausend Hitlers oder Stalins produzieren würde.[11]
Doch Bezos denkt nicht in Widersprüchen, sondern in Lösungen – denn er will die Probleme, die der Kapitalismus und Kolonialismus der Vergangenheit erzeugt, durch den Kapitalismus und Kolonialismus der Zukunft kassieren. So sollen im Wunschdenken des Tech-Milliardärs einstmals extraterrestrische Space-Entrepreneurs neue Grenzen und Welten erkunden, erobern, kolonisieren, um schließlich neue Ressourcen für neues Wachstum zu erschließen. Diese mehr als fragwürdige Strategie ist allerdings, wie bereits angedeutet, nicht (allein) das Resultat ein irrgelaufenen Science-Fiction-Lektüre oder das bloße Nachkauen vergangener Projektionen von O’Neill und Co. Hinter solchen Plänen steht ein Theoriegebäude, das seit ungefähr zwanzig Jahren existiert und sukzessive das Denken der Tech-Elite geprägt hat: der Longtermism.[12]
 
Longtermism: „existenziellen Risiken“ irrer Zukunftsphantasmen
Die Morallehre des Longtermism geht nicht auf Kants berühmte Formel zurück, nach der der „bestirnte Himmel über mir“ das Herz so erfülle wie das moralische Gesetz in mir. Tonangebend ist vielmehr der langjährig an der Universität Oxford lehrende Moralphilosoph Nick Bostrom, der als Direktor des – u.a. auch von Elon Musk mitfinanzierten – „Future of Humanity Institute“ (bis 2024) etliche Konzepte dieser Denkschule prägte. Der Longtermism ist in einer Kombination aus utilitaristischer Ethik und Wahrscheinlichkeitsrechnung begründet und setzt auf einen weitreichenden Perspektivwechsel: die Moralphilosophie, die sich in der Tradition der Aufklärung sieht,[13] geht davon aus, dass die real existierenden Menschen der Gegenwart den gleichen „Wert“ haben wie zukünftig lebende. Weil dies so sei, hätten wir schon heute, wie Asher Kessler erklärt, „a moral imperative to direct contemporary resources to protect and benefit the long-term future.“[14]

So limitieren Longtermisten ihre moralische Verpflichtung nicht auf einzelne Menschen im Hier und Jetzt oder die Bewältigung gegenwärtiger Problemlagen. Sie sind auf die – daher der Name – lange Frist fokussiert, denken in Jahrtausenden und damit auch über größere Katastrophen nach. In der Diktion Bostroms geht es genauso um „existenzielle Risiken“[15] (x-risks) wie um die Zerstörung der Erde und die Auslöschung der Menschheit selbst. In diesem Kontext jonglieren Vertreter der Denkschule oft mit unterschiedlichsten wahrscheinlichkeitstheoretisch grundierten Szenarien, von Asteroideneinschlägen über „Doomsday Machines“ bis hin zu einer freidrehenden KI. Gerade bei dem letztgenannten „KI-Übernahme-Szenario“[16] (Bostrom), das seit der Emergenz allerlei Chatbots nicht nur in den Köpfen allerlei Oxforder Philosophen, sondern – vermittelt über Tech-CEOs und ihre offenen Briefe – weltweit kursiert, wird deutlich, wie longtermistische Theoreme öffentliche Diskurse prägen bzw. perforieren.

Vor diesem Hintergrund sind die Weltraumpläne Elon Musks oder auch Jeff Bezos zu lesen. Als moralphilosophische Lösungen für „x-risks“ beworben,[17] sollen sie nicht nur das Überleben und das Wachstum der Menschheit sichern und sind dabei ganz grundlegend – Musk, aber auch Bill Gates empfahlen dessen Bücher immer wieder – vom Denken Bostroms informiert. Denn während dieser angesichts der x-risks in manchen Szenarien den Nutzen globaler, panoptischer Überwachungssysteme – von Menschen, aber auch tödlichen Viren – hervorhebt, erklärt er in überdimensionierter, utilitaristich-argumentierter Diktion in Aufsätzen wie „Astronomical Waste“, dass vor allem die Weltraumkolonisation entscheidend für das Überleben der Menschheit sei. Allein auf einem ‚Durchschnittsplaneten‘ wären 10^10 Menschenleben, im Virgo-Superhaufen sogar 10^23 möglich,[18] wobei es kaum verwundert, dass auch er wie Bezos von O’Neill-Zylindern träumt, in denen Menschen in der Größenordnung von 10^43 leben könnten.[19] Ferner plädiert Bostrom für KI-betriebene, sogenannte Von-Neumann-Sonden aus „Maschinen, die interstellare Entfernungen überwinden und Ressourcen wie Asteroiden, Planeten und Sterne dazu verwenden, um sich zu vervielfältigen“. Solche Erfindungen könnten helfen, den Weltraum bis in die letzten Winkel zu kolonisieren.

Was in diesen Zukunftsphantasmen offenkundig wird, ist die grundsätzlich recht fragwürdige moralphilosophische Grundierung, die mehr von den Irrläufen zahlenbesessener Science Fiction und utilitaristisch-getunter Wertzuschreibungen denn einem ethisch-moralischen Kompass geleitet scheint. Womit auch ein erstaunlich bornierter geschichts- wie gegenwartsvergessener Relativismus einhergeht: Denn in ihren Berechnungen schätzen longtermistische Denker beispielsweise die Klimakatastrophe als weniger zerstörerisch ein als die „x-risks“ unzurechnungsfähiger KIs, da, so die Argumentation, viele Menschen die ökologischen Verheerungen überlebten. Futurologisch wie mathematisch kann diese Sicht vielleicht überzeugen, für die Menschen der Gegenwart und auch die der nahen Zukunft ist sie fatal. Unmittelbare Herausforderungen und akutes Leid werden nicht nur vernachlässigt,[20] sondern die Bekämpfung der Klimakatastrophe in der Konzentration auf allzu zerstörerische Zukünfte zuweilen gar delegitimiert. So schätzt der Oxforder Philosoph, Ethiker und langjähriger Kollege Bostroms, Toby Ord, die Wahrscheinlichkeit, dass die Klimakrise im nächsten Jahrhundert zu einer existenziellen Katastrophe wird, mit 0,0001% bis 0,05% ein und geht davon aus, dass die ökologische Notlage – weil sich die natürlichen Desaster nur auf begrenzte Landstriche erstreckten –  nicht-existenziell für die Menschheit an sich verlaufe.[21] Ihr folge kein Massenaussterben, sodass Ressourcen – mit Blick auf das langfristige Überleben und die versprochenen Billionen Menschenleben – womöglich lieber zur Reduktion von x-risks genutzt werden sollten. Überlegungen, an die sich auch Bostroms Denken anschließen lässt: „the expected value of reducing existential risk by a mere one billionth of one billionth of one percentage point is worth a hundred billion times as much as a billion human lives.“[22]

Wider die autoritäre Astropolitik
Genau in diesem Kontext lassen sich auch die Weltraumflüge und Experimente mit den größten Trägerraketen von SpaceX und Blue Origin deuten. Denn um die himmlische Existenz im All – sei es auf dem Mond, auf dem Mars oder in den blühenden Landschaften der O’Neillschen Hohlräume – zu ermöglichen, jagen die CEOs genau mit ihren Raketen immer auch tausende Tonnen giftiges Sauerstoff-Methan-Gemisch als Treibstoff in die Luft bzw. Erdatmosphäre – von den ökologischen Problemen, die aus der Grundlage ihres Reichtums, das heißt den Plattformen von Amazon bis X, den KI-Services von Amazon Web Services bis xAI (Grok) ergeben,[23] ganz zu schweigen. Das vermeintlich langfristige Denken ist schon kurzfristig desaströs, und so erscheint es fast folgerichtig, dass die CEOs aus dem Silicon Valley mehr und mehr politisch autoritären Neigungen frönen, sich in der Rolle der Teilzeit-Zerstörer des Staates bzw. der liberalen Demokratie (siehe Musk und sein DOGE-Projekt) neuerfinden und ihre Ideen in astropolitisch- nationalistische Dimensionen gießen: „[W]e will pursue our manifest destiny into the stars“, erklärte Donald Trump in seiner Antrittsrede 2025, „launching American astronauts to plant the Stars and Stripes on the planet Mars.“[24] Schon 2028 soll, wie Trump noch vor Weihnachten 2025 per Dekret verkündete, der Mond wieder einmal betreten werden, auch um „the next steps in Mars exploration“[25] einzuleiten. So bestimmen Musks und Bezos extraterrestrische Fantasien die Konturen einer neuen Weltraumpolitik und -ökonomie, die sich in exklusiven Reisen, geplanten Mondstationen und rotierenden Businessparks im All konturiert und dabei zugleich auf eine ganz spezifische Form von Zukunft zielt; eine Zukunft, die ein „Mehr“ von allem und jedem verspricht und doch nur als bloße Wiederkehr des Immergleichen erscheint: mehr desaströser Kapitalismus, mehr Kolonialismus, mehr Macht in den Händen einzelner, politisch-autoritärer Gestalten.

Der Longtermism, der durch große Zahlen, weite Entfernungen (zeitlich wie räumlich), durch Doomsdaymarketing und die himmelstürmenden Visionen leicht von der erdenschweren Gegenwart ablenkt und Aufmerksamkeiten bindet, bildet eine wirkmächtige, durchaus risikoreiche Ersatzweltanschauung; ein ‚langfristiges‘ Denken, das den Möglichkeitsraum menschlicher Entwicklung auf die mathematischen Parameter bzw. utilitaristischen Werte des (überirdischen) Wachstums und Profits verkürzt; das mit enormen Mitteln und alten (durchaus reaktionären) Vorstellungen und Träumen die Offenheit, Pluralität und Kontingenz, das heißt den Freiraum, den die Zukunft bedeutet, zu überformen sucht – und letztlich jede wirkliche Veränderung ‚undenkbar‘ erscheinen lässt. In diesem Sinne: Vielleicht sollten wir nicht zu lang mit der allzu fernen Zukunft der CEOs rechnen und auf das schauen, was uns schon im Jetzt – an Mit-Menschen und Um-Welt – lieb und teuer, was uns nah ist. Womöglich verspricht gerade das ein „Mehr“ an Zukunft.

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[1] Jacob Birken, Paneldiskussion „Unerreichbare Gegenwarten, unvermeidliche Enden“, in: More Future! MedienKunstTage NRW 2025, https://vimeo.com/1140422973 [zuletzt abgerufen 17.12.2025].
[2] Walter Benjamin, Das Passagen-Werk, Frankfurt am Main 1983, S. 592.
[3] Laura Hille, Paneldiskussion „Unerreichbare Gegenwarten, unvermeidliche Enden“, in: More Future! MedienKunstTage NRW 2025, https://vimeo.com/1140422973 [zuletzt abgerufen 17.12.2025].
[4] Eva Horn, Zukunft als Katastrophe, Berlin 2014.
[5] Elon Musk, „Making Humans a Multi-Planetary Species“, in: New Space 5 (2017), 2, S. 46–61.
[6] Sämtliche Zitate von Jeff Bezos: Jeff Bezos, For the Benefit of Earth, Blue Origin Keynote 2019, https://www.youtube.com/watch?v=GQ98hGUe6FM&t=1955s, [zuletzt abgerufen 17.12.2025].
[7] Stewart Brand, „The sky starts at you feet“, in: Space Colonies, ders. (Hg.), San Francisco 1977, S. 5.
[8] Gerard O’Neill, „The High Frontier“ in: Space Colonies, ders. (Hg.), San Francisco 1977, S. 10f.
[9] Jeff Bezos, For the Benefit of Earth, Blue Origin Keynote 2019, https://www.youtube.com/watch?v=GQ98hGUe6FM&t=1955s, [zuletzt abgerufen 17.12.2025].
[10] Jeff Bezos, For the Benefit of Earth, Blue Origin Keynote 2019, https://www.youtube.com/watch?v=GQ98hGUe6FM&t=1955s, [zuletzt abgerufen 17.12.2025].
[11] Vgl. Mary-Jane Rubenstein, A tale of two utopias: Musk and Bezos in Outer Space, in: Metapolis, March 2022, https://metapolis.net/project/a-tale-of-two-utopias-musk-and-bezos-in-outer-space/ [zuletzt abgerufen 17.12.2025].
[12] Émile Torres und Timnit Gebru zählen den Longtermism zu einer wichtigen Ausprägung einer Vielzahl weiterer im Silicon Valley einflussreicher Ideologeme, die die Autor:innen unter dem Akronym TESCREAL (transhumanism, extroprianism, singularitarianism, cosmism, rationalism, effective altruism und longtermism) zusammenfassen.  Timnit Gebru / Émile P. Torres, „The TESCREAL Bundle. Eugenics and the Promise of Utopia through Artificial General Intelligence“, in: First Monday 29 (2024), 4; online unter: https://firstmonday.org/ojs/index.php/fm/article/view/13636 [zuletzt abgerufen 17.12. 2025].
[13] Vgl. Anna-Verena Nosthoff, Felix Maschewski, Politik der dunklen Aufklärung, Dark MAGA und die rechtsautoritäre Wende im Silicon Valley, in: Mittelweg36, 5-6/2025, S. 70-90.
[14] Asher Kessler, Longtermism, Big Tech, and the Rebalancing of Historical Time: A
Benjaminian Critique, in: International Journal of Communication, 18/2024, S. 5363-5381, hier S. 5364.
[15] Nick Bostrom, „Existential risk prevention as global priority“. Global Policy, 4(1) 2013, S. 15–31.
[16] Nick Bostrom, Superintelligenz. Szenarien einer kommenden Revolution, Berlin 2014, S. 139.
[17] Nicht ohne Grund scheinen die Unternehmen von Musk mit dem Buchstaben „X“ gelabelt. Von der Plattform „X“ (vormals Twitter) bis „SpaceX“.
[18] Vgl. Nick Bostrom, „Astronomical Waste. The Opportunity Cost of Delayed Technological Development“, in: Utilitas 15 (2003), 3, S. 308–314, hier S. 309; online unter: https://nickbostrom.com/papers/astronomical-waste/ [zuletz abgerufen 18.12.2025].
[19] Vgl. Nick Bostrom, Superintelligenz. Szenarien einer kommenden Revolution, Berlin 2014, S. 145.
[20] Vgl. Alice Crary, „The toxic ideology of longtermism“, in: Radical Philosophy, 214, S. 49–57, hier S. 53f.
[21] Vgl. Toby Orb, The Precipice, Existential Risk and the Future of Humanity, London 2021, S. 119.
[22] Nick Bostrom, „Existential risk prevention as global priority“. Global Policy, 4(1) 2013, S. 15–31, hier S. 18-19.
[23] Beispielhaft: Um den Chatbot Grok von Elon Musks Firma xAI zu betreiben, werden Datacenter genutzt, die u.a. auf mobile Methangas-Turbinen setzen, was nicht nur klimatisch mehr als fragwürdig ist, sondern auch zu gesundheitlichen Schäden der Anwohner führt. Vgl. Rebecca Stegmann, Musks KI-Datenzentren verschmutzen die Luft in den USA, in: Surplus, 16.10.2025, https://www.surplusmagazin.de/ki-memphis-gas-xai-klima-verschmutzung-luft/ [zuletzt abgerufen 17.12.2025]
[24] Donald Trump, The Inaugural Address, 20.1.2025, https://www.whitehouse.gov/remarks/2025/01/the-inaugural-address/ [zuletzt abgerufen 18. 12. 2025].
[25] Executive Order, Ensuring American Space Superiority, 18.12.2025, https://www.whitehouse.gov/presidential-actions/2025/12/ensuring-american-space-superiority/ [zuletzt abgerufen 19.12. 2025].


Essay von Fabian Raith zu den MedienKunstTagen NRW 2025

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Essay von Fabian Raith zu den MedienKunstTagen NRW 2025

Usually everyone wants it, they just dont want the extra work

DiskursEssay

Im späten achtzehnten Jahrhundert wandelte sich die amerikanische Stadt Worchester Country zum größten Drahthersteller der USA. Das gelang, in dem der Besitzer seinen Angestellten Alkoholkonsum während der Arbeit verbot. Die Fabrik wuchs von 30 auf 700 Angestellte, wirtschaftlich lief es hervorragend. Nur die Arbeitsfreude der Angestellte ging direkt proportional zum Alkohol in der Fabrik zurück und so erkämpften sie sich den 10 Stunden Tag. Es entstand eine stärkere Trennung zwischen Arbeit und Freizeit und die Lücke im Tagesablauf wurde von Saloons gefüllt, also Orten, die spezifisch dazu da waren, Alkohol zu trinken und Spaß zu haben. Durch Schwingtüren werden sie betreten und drinnen wartet alles, was Spaß und Ablenkung von der Arbeit verspricht. Die Idee des Fabrikbesitzers änderte also nicht nur die Zukunft seiner Fabrik, sondern die komplette Stadt und das Verhältnis von Arbeit und Freizeit.
 
Die Schwingtür der Medienkunst schwingt zwischen Gegenwart und Zukunft- so heißt zumindest auf dem Livepodcast zur Eröffnung der Medienkunsttage NRW 2025.

Auf der einen Seite der Schwingtür gibt es spekulative Ideen für alternative Zukünfte, Zukunft als Möglichkeitsraum und Gestaltungsmöglichkeiten. Oder mit dem Motto der Medienkunsttage gesprochen: More Future. Eine Lust am Herumdenken, Technologien zu entfremden und eine Idee von einem Morgen zu entwerfen, das mehr verspricht als das heute.
Insbesondere die Arbeiten der Medienkunstfellows sind von diesen Spekulationen über Zukünfte geprägt: Paula Maya Strunden erzählt von neuen Natur-Technologie Verhältnissen durch 3D Assets, Claude Jansen erzählt von digitalen und spirituellen Medien und Manuel Talarico nutzt Deep Fake Technologien, um über neue Identitäten zu spekulieren.
Wie fluide diese Identitäten werden, wie Körper und digitale Repräsentation von Körpern sich verschränken und wie sehr diese den Körper buchstäblich hin und her werfen können, wird auch in der Performance Post Corpus Shapeshifter des Performancekollektivs rendered realities – gezeigt auf der UZWEI des Dortmunder U im Rahmen der Ausstellung Solarpunk deutlich: Ein physischer Körper kämpft mit einem zunehmend raumnehmenden, digitalen Körper um Platz, Aufmerksamkeit und Sichtbarkeit. Der digitale Avatar und der physisch präsente Körper treten immer mehr in einen Dialog und verändern ihre Form und Ausdrucksweise. Natur und Technologie treten auf neue Weise miteinander in Dialog.
 
Doch während rendered realities eine Konkurrenz erzählt, entsteht in den Videoarbeiten Ponor von Jana Kerima Stolze und Lex Rütten und Flint House Lizard von Ani Schulze eine neue, andere Welterzählung. Diese löst den menschlichen Blick ab und richtet den Fokus auf die natürliche Umgebung, das Zusammenspiel von Natur und Technologien und schafft so eine post-anthropozentrischen Technologieerzählung. Sie denken so durch die Gegenwart hindurch die Frage, ob es in der Natur Vorbilder für nötige Anpassung in der Klimakrise gibt und wie diese Hoffnung in die Gegenwart transportieren können.
 
Die Schwingtür ist jedoch nicht nur Übersetzerin zwischen Gegenwart und Zukunft, sie transformiert auch historische Momente in alternative Zukünfte.
Nadja Buttendorfs Projekt RoSie kehrt zurück an den Zeitpunkt vor der Abwicklung des wichtigsten Computerherstellers der DDR, Robotron, und imaginiert von einer gleichberechtigten Vereinigung von Robotron mit dem wichtigsten Computerherstellers Westdeutschlands, Siemens. Was wäre, wenn statt des Zerschlagungsansatz der Treuhand die Wünsche und Vorstellungen der Beschäftigten des Betriebs umgesetzt worden wären? Wie sähe die Gegenwart aus, wenn die Treuhand, statt funktionierende Industrie in Ostdeutschland abzuwickeln, andere Entscheidungen getroffen hätte? 
 
Auch das Szenario und die Umgebung, in denen die MedienKunstTage stattfinden, erzählt von dieser alternativen Weltsicht. Die Ausstellung Genossin Sonne des HMKV stellt die Sonne als Verbündete für alternative Zukunftsentwürfe, die sich aus der Vergangenheit speisen, vor. Exemplarisch dafür steht die wissenschaftlich-spekulative Arbeit, vor der die Panels und Gespräche der MedienKunstTage stattfinden. Basierend auf einem Text von Mikhail Gorbanev werden die Zeitpunkte von politischen Umstürzen und Revolutionen mit Sonnenaktivitäten verglichen und gezeigt, dass viele relevante Gesellschaftsumstürze in der Zeit stattfinden, in der sich auch besonders viel Sonnenaktivität ereignet. Diese Art von spekulativem Denken, vom Erhoffen alternativer Zukünfte und der Imagination einer sich von der Gegenwart unterscheidenden Zukunft zeigt sich auch in den Minifestos, welche im Workshop von Nishant Shah und Sara Morais dos Santos Bruss in der Akademie für Theater und Digitalität entstehen. Die Teilnehmer:innen werden hier zu einem Small Language Model und kehren so die Logik hinter künstlicher Intelligenz um: Statt der Erzählung zu folgen, KI könne dem Menschen immer näherkommen, werden die Teilnehmer:innen zu KI-Modellen, zu small language models. Diese small language models arbeiten nicht nach der Idee von Wahrscheinlichkeiten, sondern schöpfen aus den Wissensbeständen der Teilnehmenden.
Während des Workshops wird deutlich: Die Zukunft soll immer schon in der Gegenwart performen. Es ergibt sich ein Zukunftsparadox: In der Zukunft ist so lange alles möglich, bis etwas beweist, dass es doch nicht so ist. Doch sind diese Zukunftsvorstellungen auch ein Fenster in die Gegenwart. Zukunftsmodelle unterliegen nach wie vor Interpretationen, der Output, den wir in Prompts und Befragungen bekommen, sind Deutungen, keine Konsequenzen. Während des Workshops entstehen kleine Möglichkeiten der Hoffnung in jedem der Minifestos, oder wie dos Santos Bruss es nennt: Viele kleine Beginne.
Diese vielen kleinen Beginne lassen sich auch in den Panels zu den Commons von heute entdecken: Nachhaltige Hardware, Institutionen und Software, die sich als Alternative zu kommerziellen Anbietern etablieren könnten. Wer stellt die Software und Hardware die in öffentlichen Institutionen und privaten Endgeräten genutzt werden, eigentlich her, warum wird öffentliches Geld in kommerzielle Softwarelizenzen gesteckt und wie kann digitale Agency nicht nur als interessantes intellektuelles Konzept verhandelt, sondern auch praktisch umgesetzt werden?  
Diese Ideen sind jedoch auch eine Schwingtür in die Gegenwart, in der es schwer fällt, Konternarrative gegen „20 Jahre Metapolitik“ zu setzen, wie Laura Hille es im Panel Unerreichbare Gegenwarten, unvermeidliche Enden formulierte. Das Panel zeigt insbesondere, wie Macht, Geld und Ideologie in Zirkeln von Tech Bros gerade zusammenkommen und holt das draußen, die Welt, die vor den Schwingtüren zwischen Gegenwart und Zukunft, wartet, wieder rein: Die harte Arbeitswelt, in der Arbeitszeitverkürzung erkämpft werden muss, in der Organisationsgrad von Arbeitenden in Gewerkschaften sinkt und ideologische Deregulierung auf Kosten gemeinschaftlicher Konzepte durchgesetzt wird oder werden soll. In dieser Welt scheint es gerade keine offenen, vieldeutigen Zukunftserzählungen mehr zu geben. Stattdessen wird Zukunft bereits in der Gegenwart erzählt und scheint, anders als es in den vorherigen Workshops passierte, unabwandelbar. Die Zukunft wird fatal und der einzige Ausweg ist mehr Technologie und weniger Rumreguliererei. Man wird Zuschauer*in, wie um einen herum Zukunft gebaut wird. In diesen Momenten wünscht man sich Dietmar Daths Maschine aus seinem Buch Skyrmionen oder: A Fucking Army herbei, die das Computerzeitalter beendet. Auch das wird im von Vanina Sarracion kuratierten Filmprogramm deutlich: Die Filme wandeln zwischen Dystopien und Utopien, zwischen Nostalgie und Untergangsstimmung, zwischen teils KI-generierten Filmen und realen Dokumentationen. Elisabeth Bruns Film Big Tech Blues ist ein Beispiel für die Vielschichtigkeit im Umgang mit technologischen Zukünften und zeigt die Komplexität der digitalen Gegenwart: Ein kleines Dorf in ihrer Heimat Norwegen wehrt sich erfolgreich gegen die Umnutzung ihrer ehemaligen Dorfschule in eine Bodenstation für Space X Satelliten. Einerseits ist der Film ein Manifest der Wehrhaftigkeit von Gemeinschaften gegen globale Konzerne, die keine Verantwortung für die realen Auswirkungen ihrer Technologien vor Ort übernehmen wollen. Der Film macht deutlich, dass Widerstand sich lohnt. Andererseits stellt er auch die Frage, was passiert eigentlich, wenn Not in my backyard-Politiken auch mögliche positive Veränderungen durch Technologie in Frage stellt?
Der Film ist möglicherweise das, was Isabelle Hermann als Anti-Dystopien beschreiben würde: Keine ganz weit entfernte Zukunft, abseits der Realität, sondern das Aufzeigen von Wegen zu realistischen Alternativen. Hermann erklärt das Konzept anhand von SciFi Literatur: Statt eine utopische, der jetzigen völlig enthobenen Welt zu designen, kann SciFi auch Wege aufzeichnen, in der Menschen selbst für ihre Zukunft verantwortlich sind, Agency haben und ihre Umwelt beeinflussen können. Anti-Dystopie kann Mut zum Mitmachen machen. Vor allem macht sie deutlich, dass die Versprechungen, die mit Gadgets von Tech Giganten gerade gebaut oder versprochen werden, weniger innovativ sind, als sie uns glauben machen möchten. Die Erfindungen und Neuerungen sind nicht nur inspiriert von SciFi, sondern teils einfach Kopien davon. Dieser Entwicklung wird mit großer Begeisterung zugeschaut, doch versprechen diese Innovationen keine Lösungen, neue Denkweisen oder Weiterentwicklungen zu sozialen Problemen und des Zusammenlebens, sondern vor allem Gadgets. Die Lösung sozialer Probleme bleibt Aufgabe der Welt draußen, auf der anderen Seite der Schwingtür.
 
Ein Teil davon ist die Arbeit, die Laurence Rassel an der Ecole de recherche graphique (ERG) gemacht hat. Unter ihrer Leitung und mit viel Überzeugungsarbeit wurde die ERG  zu einer Institution des Kollektivs umgebaut. Gemeinschaft als Leitprinzip, Open Source und kollektives Lernen als Prinzipien. Viele Veränderungen im Kleinen, die nicht den großen Ruhm versprechen, aber Wirksamkeit vor Ort entfalten. Leider macht auch das ganz schön viel Arbeit, auf beiden Seiten der Schwingtüren.  
 
Sie bildet damit etwas ab, was auch die Medienkunsttage  insgesamt geprägt hat: Die Frage nach Möglichkeiten Technologie wieder mit Hoffnung zu verbinden, nach einer Erzählung von Technologie, die nicht vereinzelt, sondern verbindet und in der Technologie nicht in Versprechungen auf ein Übermorgen, sondern im Jetzt Dinge verbessert. Eine große Antwort darauf geben sie nicht, aber viele kleine. Das Bilden von kleinen Communities, das Handeln im Lokalen und das Bauen eigener, kleiner Technologien, die Dinge positiv verändern können. Dafür gibt es wenig öffentliche Aufmerksamkeit und wenig Schulterklopfer, aber dafür mehr Zukunft.

Fabian Raiths eigene Mixed Reality begann 1987 in Regensburg, Bayern. Zum Studium ging es in den Osten (Erfurt), Frankfurt (Ost) und noch Weiter Ost (Istanbul). Nach geschriebener Masterarbeit (Migrationsdiskurse im deutschen Pop) bis 2020 Studium des (damals noch neuen) Masters Spiel und Objekt an der HfS Ernst Busch. Dort im Bereich Mixed Reality (Augmented Reality) und dem Herstellen (individuell zugänglicher)dramatischer Situationen interessiert. Abschluss mit einem (Mixed Reality) Walk zu (ost)deutscher Erinnerungskultur. Schwerpunkte sind Installationen (begehbar), ortsspezifische Arbeiten und Konstellationen, die menschliche und nicht menschliche Akteure in Austausch bringen.

Mitschnitt des Gesprächs: Geert Lovink im Gespräch mit Annekathrin Kohout

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Mitschnitt des Gesprächs: Geert Lovink im Gespräch mit Annekathrin Kohout

FFT Düsseldorf – Forum Freies Theater
FR, 16. DEZEMBER 2022, 18:30 Uhr

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Der Medientheoretiker und Netzkritiker Geert Lovink beobachtet seit Jahren mit wachsender Sorge die Entwicklungen in der digitalen Welt. Er warnte schon früh vor dem Plattformkapitalismus und forderte uns auf, unsere Facebook-Profile zu löschen. Seine Analysen zeigen, wie Interaktion in sozialen Medien eine spezielle Art von Traurigkeit hervorbringen kann. Trotzdem hat er den Glauben an ein besseres Netz noch nicht verloren. Gerade ist sein neues Buch „In der Plattformfalle – Plädoyer zur Rückeroberung des Internets“ (transcript, 2022) auf Deutsch erschienen. Darin fordert er uns auf, „eigene Versionen des Technosozialen“ zu entwickeln. Im Gespräch mit der Medienwissenschaftlerin Annekathrin Kohout („Nerds. Eine Popkulturgeschichte“, „Netzfeminismus. Digitale Bildkulturen“) präsentierte Geert Lovink erstmals die deutsche Übersetzung des Buches.


Zu den Gästen

Geert Lovink ist Medientheoretiker, Internetkritiker und Autor u.a. von „Dark Fiber“ (2002), „Zero Comments“ (2007), „Im Bann der Plattformen“ (2017) und „Digitaler Nihilismus. Thesen zur dunklen Seite der Plattformen“ (2019). Lovink ist Gründungsdirektor des medientheoretischen Institute of Network Cultures (INC) mit Sitz an der Hogeschool van Amsterdam, das sich seit 2004 der Kultur in virtuellen Netzwerken als soziales Phänomen widmet. Seit 2021 ist Lovink zudem Professor für Kunst und Netzwerkkulturen an der Universität Amsterdam.
Geert Lovink im Collective Chronicle of Thoughts and Observations, 2017
Mehr Infos zum Institute of Network Cultures (INC)

Annekathrin Kohout ist Medienwissenschaftlerin und Mitherausgeberin der Buchreihe „Digitale Bildkulturen“ sowie der Zeitschrift POP. Kultur und Kritik und Mitglied des Editorial Boards des internationalen Journal of Global Pop Cultures. Ihr Buch „Nerds. Eine Popkulturgeschichte“ erschien 2022 bei C.H. Beck. Als Gastdozentin unterrichtet sie derzeit am Institut für Medien, Theater und Populäre Kultur an der Universität Hildesheim.
Mehr Infos zu POP. Kultur und Kritik
Mehr Infos zum Journal of Global Pop Cultures

Aufzeichnung des Gesprächs: „Was das Valley denken nennt – und wie davon erzählt wird“

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Aufzeichnung des Gesprächs: „Was das Valley denken nennt – und wie davon erzählt wird“

HMKV im Dortmunder U | Kino, EG und online
MI, 15. Juni 2022, 19 – 21 Uhr

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Mit Dr. Inke Arns, Prof. Dr. Adrian Daub und Jonas Lüscher
Moderation: Dr. Iuditha Balint und Fabian Saavedra-Lara


Gemeinsam mit den Kooperationspartnern, dem Fritz-Hüser-Institut für Literatur und Kultur der Arbeitswelt und dem HMKV Hartware MedienKunstVerein, lud das Büro medienwerk.nrw am 15. Juni 2022 um 19 Uhr herzlich zur Gesprächsrunde Was das Valley Denken nennt – und wie davon erzählt wird mit dem Literaturwissenschaftler und Publizisten Prof. Dr. Adrian Daub, dem Schriftsteller Jonas Lüscher sowie der Kuratorin und Direktorin des HMKV Dr. Inke Arns ein. Veranstaltungsort ist das Kino im Dortmunder U.

Anlässlich der Ausstellung des HMKV House of Mirrors: Künstliche Intelligenz als Phantasma wurden bei der Gesprächsveranstaltung im Dortmunder U einige Gedanken aus den Texten Adrian Daubs und Jonas Lüschers mit den Ideen und ausgewählten Werken aus der Ausstellung in einen Dialog gebracht. Allen drei Beteiligten ist das Anliegen gemein, sich kritisch und differenziert mit der Ideengeschichte des Silicon Valley und den Erzählungen über digitale Technologien, die von den dort residierenden Unternehmen hervorgebracht werden, auseinanderzusetzen. In der Diskussion wurden einige dieser Mythen, die aktuell zum Beispiel um das Schlagwort der „künstlichen Intelligenz“ kreisen, benannt und dekonstruiert. 

Moderiert wurde die Veranstaltung von Dr. Iuditha Balint (Fritz-Hüser-Institut) und Fabian Saavedra-Lara (Büro medienwerk.nrw).


Zu den Gästen
Der in Köln geborene Germanist und Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Adrian Daub ist Professor für vergleichende Literaturwissenschaften an der Stanford University, Kalifornien, und leitet das dortige Clayman Institute for Gender Research. Er schreibt u.a. über Themen wie früher Feminismus, kulturelles Gedächtnis und deutsche Populär- und Musikkultur des 19. Jahrhunderts. Sein Buch „Was das Valley denken nennt. Über die Ideologie der Techbranche“ (Suhrkamp, 2020) erzählt vom Silicon Valley – einer Region, die in den letzten 70 Jahren zum mächtigsten IT- und High-Tech-Standort weltweit aufgestiegen ist. In seinem Buch hinterfragt Daub, der mit Stanford seinen beruflichen Mittelpunkt in nächster Nähe zum Valley eingerichtet hat, dessen Selbstinszenierung, indem er die Rhetorik von Unternehmer*innen wie Peter Thiel oder Mark Zuckerberg untersucht und die Ideologie der Branche historisch kontextualisiert.

Jonas Lüscher ist ein schweizerisch-deutscher Schriftsteller und Essayist. Nach seinem Studium der Philosophie forschte er intensiv zur Bedeutung von Erzählungen für die Beschreibung sozialer Komplexität und hatte in diesem Kontext ein Stipendium des Schweizer Nationalfonds für einen Forschungsaufenthalt in Stanford. In seiner Novelle „Frühling der Barbaren“ (C.H. Beck, 2013) geht es um die Bedeutung von Narrationen in gesellschaftlichen Zusammenhängen – in diesem Buch kommen die Theorien Richard Rortys narrativ zum Tragen. Über die Mentalität und Rhetorik des Silicon Valley erzählt sein Roman „Kraft“ (C.H. Beck, 2017). Als sozial und politisch engagierter Essayist veröffentlicht Jonas Lüscher zu verschiedenen Themenkomplexen wie Ökonomie oder Populismus.

Dr. Inke Arns ist Direktorin des HMKV Hartware MedienKunstVerein in Dortmund. Seit 1993 freie Kuratorin und Autorin mit den Schwerpunkten Medienkunst und -theorie, Netzkulturen, Osteuropa. Nach einem Aufenthalt in Paris (1982-1986) Studium der Slawistik, Osteuropastudien, Politikwissenschaften und Kunstgeschichte in Berlin und Amsterdam (1988-1996 M.A.), 2004 Promotion an der HU Berlin. Sie kuratiert(e) viele Ausstellungen – u.a. am bauhaus dessau, MG+MSUM Ljubljana, Gallery EXIT Pejë, KW Berlin, Museum of Contemporary Art Belgrad, CCA Glasgow, CCA Ujazdowski Castle Warschau, HMKV Dortmund, HKW Berlin, Muzeum Sztuki Lodz, La Gaîté Lyrique Paris, MMOMA Moskau, BOZAR Brüssel, NCCA Jekaterinburg, exportdrvo Rijeka, a.o.. Darüber hinaus ist sie Autorin sowie Herausgeberin zahlreicher Beiträge zur Medienkunst und Netzkultur. Von 2021-2022 übernahm sie die Gastprofessur für kuratorische Praxis an der Kunstakademie Münster. 2022 war sie Kuratorin des Pavilions der Republik Kosovo (Künstler: Jakup Ferri) auf der 59. Internationalen Kunstausstellung, La Biennale di Venezia.



Eine Kooperation vom Fritz-Hüser-Institut für Literatur und Kultur der Arbeitswelt, dem HMKV Hartware MedienKunstVerein und dem Büro medienwerk.nrw.

Das Veranstaltungsprogramm wurde gefördert durch NEUSTART KULTUR und Stiftung Kunstfonds.

Fotos: Adrian Daub: © Cynthia Newberry | Jonas Lüscher: © Ulrike Arnold/Jonas Lüscher | Inke Arns: © Frank Vinken

ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT IV – WAS LIEGT JENSEITS VON BIG TECH

Essay Zurück in die Zukunft

ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT IV – WAS LIEGT JENSEITS VON BIG TECH

DiskursEssay

Was liegt jenseits von Big Tech?
In den frühen 1970er Jahren entstand in Chile zur Zeit Salvador Allendes eines der ersten Computernetzwerke überhaupt: Fabriken und Lagerbestände wurden mit einem System von Fernschreibern ausgestattet, die miteinander verbunden waren und ihre Daten an einen Computer in Santiago übermittelten. So sollte die Effizienz der zentral gesteuerten Wirtschaft in einer Zeit, in der es aufgrund von politischen Spannungen einen Mangel an alltäglichen Waren gab, gesteigert werden. Eine Gruppe junger, idealistischer Forscher*innen unter der Leitung des Ingenieurs Fernando Flores entwickelte dieses Projekt. Als Berater und Experte für Netzwerke wurde der britische Kybernetiker Stafford Beer an Bord geholt. Der geplante zentrale Steuerungsraum des Netzwerks in Santiago, in dem die Daten aus den Fabriken ausgespielt und durch Filmprojektoren grafisch dargestellt werden sollten, wurde vom Gestalter Gui Bonsiepe konzipiert. In seinem futuristischen Design spiegeln sich die Techno-Utopien und der Fortschrittsoptimismus der Zeit wider: Betrachtet man heute die Entwürfe, fühlt man sich unweigerlich an die Star Trek-Serie oder Stanley Kubricks Science-Fiction-Klassiker 2001: Odyssee im Weltraum erinnert.

Doch warum dieser Exkurs ins tiefe 20. Jahrhundert, wenn es um heutige digitale Transformationen geht?
Durch meine Familiengeschichte habe ich zugegebenermaßen ein besonderes, persönliches Interesse am kulturellen und auch technischen Aufbruch in dieser Zeit, der für einen kurzen historischen Moment andere Perspektiven eröffnete als diejenigen, die sich im digitalen Kapitalismus unserer Gegenwart manifestieren. Doch auch über die individuelle Biografie hinaus stehen Cybersyn und viele andere Projekte für mich sinnbildlich für die vergessenen oder unsichtbar gemachten Geschichten im Kontext der Digitalisierung.

Die Geschichtlichkeit digitaler Medien
In der öffentlichen Debatte ist die Tendenz erkennbar, technische Entwicklungen als disruptive Phänomene in einer scheinbar geschichtslosen Gegenwart zu verstehen und sie mithilfe von Innovationsrhetoriken in eine lineare, unvermeidbare Zukunft hinein zu projizieren.

»Die digitalen Medien jedoch, die für uns heute so selbstverständlich geworden sind, haben eine Geschichte, die unmittelbar verwoben ist mit politischen und ökonomischen Entwicklungen und Entscheidungen.«

Sie lassen sich nicht isoliert davon betrachten. Und somit stellen sie auch nur eine von vielen Möglichkeiten dar, was Technologie sein kann. Ein Beispiel: Forscher*innen, Künstler*innen und Aktivist*innen haben schon seit geraumer Zeit offen gelegt, auf welchen, teils biologistischen Annahmen die Algorithmen der so wirkmächtigen sozialen Netzwerke basieren, über die ein Großteil der sozialen Kommunikation unserer Gegenwart läuft. Die Grundthese besagt, dass die Vernetzung nach dem Muster von Ähnlichkeit funktionieren soll – seien dies nun Klasse, Hobbies, Interessen, Positionierung im politischen Spektrum oder der Beruf. Doch welches Gesellschaftsverständnis liegt dem zugrunde? Ließe sich nicht auch ein anderes, weniger Homogenität suchendes und in sich geschlossenes Ordnungsprinzip dieser Plattformen denken? Wäre dies nicht auch ein möglicher Weg, um die Abkopplung der gesellschaftlichen Milieus voneinander zu verhindern? Anhand dieses recht simplen Beispiels lässt sich gut nachvollziehen, dass die gegenwärtigen Technologien immer auch politisch sind und einen Teil der Ideologie, die sie hervorgebracht hat, mittransportieren. Verändert man nur ein Element in der Gleichung, ist man manchmal schon in einer anderen Realität – mit sehr manifesten Konsequenzen und Möglichkeiten.

Die frühen Netz-Avantgarden propagierten einen selbstbestimmten Umgang mit Technologie, der sich nicht mit den Voreinstellungen der damals gängigen Software und Hardware begnügte.

»Ähnlich der Umnutzung von Plattenspielern als Musikinstrumente und künstlerische Werkzeuge, zum Beispiel im Hip-Hop, ging es der kritischen Medienkultur stets darum, Technologie »gegen den Strich zu bürsten«, sie nach den eigenen Regeln umzufunktionieren und zu verändern, um auf diese Weise Potentiale freizulegen, die nicht nur einer kommerziellen Verwertbarkeit nützlich sind.«

Stets ging es darum, Grenzen auszutesten – manchmal auch die Grenzen der Legalität. Doch durch diesen Aktivismus konnten viele politische und technische Fragen und Probleme im Zusammenhang mit Technologie offengelegt werden, beispielsweise Fragen zu Datensouveränität und -missbrauch, Privatsphäre und Anonymität, Sicherheitslücken und viele weitere.

Die alten Ideale dieser Avantgarde wie der dezentrale Wissensaustausch, der freie Zugang zu Technologie, die Überwindung alter Diskriminierungsmuster im Netz, die Unabhängigkeit von wenigen, dominierenden Konzernen, die Fähigkeit Code zu lesen und ihn zu bearbeiten, sind heute wichtiger denn je, auch wenn sich in den Filterblasen und Echokammern der Fake News und Hate Speech heute das Gegenteil dieser Ideale zu manifestieren scheint. Critical Engineering und vergleichbare Praxen stammen aus einer Zeit, in der die Kommerzialisierung der digitalen Sphäre noch nicht völlig abgeschlossen war. Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, sich an sie zu erinnern, sie auch im Kontext von Kunst und Kultur neu zu lesen und zu fragen, was sie heute bedeuten könnten.

Eine solche Diskussion lässt sich nicht bloß als nachträgliche künstlerisch-kulturelle Aufarbeitung oder Illustration von »cutting edge« technologischen Innovationen betreiben, sondern sie sollte – insbesondere vor dem Hintergrund der fortschreitenden Zerstörung unserer Lebensgrundlagen durch die Idee von grenzenlosem Wachstum – die Frage stellen, welcher Fortschritt für die globale Gesellschaft eigentlich wünschenswert ist. Sie sollte die durch »Convenience« und wolkige Wordings vernebelten neuen Ausbeutungsverhältnisse zum Beispiel in der Logistik und Rohstoffindustrie oder der Fertigung von Hardware sichtbar machen, die eine sehr materielle Grundlage dessen darstellen, was wir heute unter »Digitalisierung« verstehen. Sie sollte die Frage aufwerfen, welche neuen Begriffe von Arbeit, Sinnstiftung und Anerkennung wir brauchen, wenn sich das Versprechen auf Vollbeschäftigung durch die fortschreitende Automatisierung nicht mehr einlösen lässt. Und welche Logiken und Annahmen hinter den Diskriminierungsmustern und Machtverhältnissen stecken, die sich in den Algorithmen heutiger sozialer Medien und Plattformen manifestieren.

Rassismuskritischer Aktivismus hat in den letzten Jahren sichtbar gemacht, welche Körper in den digitalen Plattformen als Norm gelten und welche nicht. Der Grund liegt in der nach wie vor weitgehend homogenen Struktur der Gruppe der Autor*innen dieser Plattformen und Programme. Nicht zuletzt sollte es – neben vielen anderen Fragen – auch um das Verhältnis von privater und öffentlicher Hand im Zusammenhang mit der kritischen digitalen Infrastruktur gehen. Soll die Gestaltung der öffentlichen Räume im Digitalen und in den Smart Cities der Zukunft gänzlich wenigen Unternehmen mit vornehmlich kommerziellem Interesse überlassen werden? Die aktuelle Pandemie hat unter anderem auch gezeigt, welche Brüche es beim Zugang zu Technologie entlang der Linien von Klasse, Herkunft, Einkommen und weiteren Determinanten gibt – können wir uns damit begnügen, dass dies nicht zu ändern ist?

Jenseits von Big Tech
Eines der wesentlichen Anliegen der Arbeit im medienwerk.nrw, einem Netzwerk von Institutionen und freien Akteur*innen in Nordrhein-Westfalen, die sich mit Medienkunst und digitaler Kultur beschäftigen, besteht in der Pluralisierung der Erzählungen über Technologie. In individuellen und kooperativen Projekten gehen viele der beteiligten Partner*innen unter anderem der Frage nach, welche Technoimaginationen jenseits der libertär-kapitalistischen Erzählungen und Gründungsmythen von »Big Tech« liegen (vereinfacht gesagt, die Idee, dass in freien Märkten und Unternehmen allein die besten Ideen für gesellschaftlichen Fortschritt entstehen, der Staat sich am besten heraushalten sollte und Technologie in der Lage ist, so gut wie alle gesellschaftlichen Probleme zu lösen, wenn man sie nur machen lässt). Und nach welchen anderen Prämissen – jenseits von kommerziellen Interessen und Expansion – Technologien gestaltet werden können. Cybersyn, revisited, aber eben auch als Auseinandersetzung mit Medienkulturen in vielen weiteren Gegenden der Welt, die oftmals übersehen oder nicht ernst genommen werden.

Dies alles sind gesamtgesellschaftliche Fragen, die sich natürlich nicht allein im Kulturbereich diskutieren lassen. Eine gute Nachricht dabei ist, dass viel Wissen darüber bereits existiert und Kulturpolitik mit ihren Mitteln dabei helfen kann, es mit anderen Gesellschaftsbereichen zu verknüpfen und zu übersetzen. Natürlich braucht es einen angemessenen technischen Standard, um Institutionen und Bildungseinrichtungen zukunftsfähig zu machen. Hier ist selbstverständlich noch einiges nachzuholen. Eine offene, debatten- und experimentierfreundliche Kulturpolitik im Bereich des Digitalen hätte aber eben nicht nur mit der Anschaffung neuester (bald veralteter) Technik zu tun, sondern mit der Entwicklung neuer Schnittstellen für dieses Wissen, der Ermöglichung neuer Allianzen mit dem Ziel von Selbstermächtigung und Emanzipation im Kontext von Technologie und einer langfristigen und vielstimmigen Auseinandersetzung.

In vielen Kunst- und Kulturbereichen sind bereits seit Jahren und Jahrzehnten wesentliche Anliegen zur Stärkung der kulturellen Landschaft in der Region formuliert worden, die mit Möglichkeiten zu tun haben, längerfristig an Themen und Fragestellungen arbeiten zu können und somit Produktionsdruck herauszunehmen. Die Basis hierfür wäre wohl eine Kultur des Vertrauens in die Kulturproduzent*innen, die sich in einer größeren Zugänglichkeit zu strukturellen Förderungen und in einer Reduzierung des Verwaltungsaufwands bei Förderungen auf Seiten von Akteur*innen und Fördergeber*innen niederschlagen müsste. Auch die Stärkung von diverser Repräsentanz in Jurys, Gremien, Institutionen, Verwaltung und Positionen mit Entscheidungsmacht ist eine Forderung, die unbedingt unterstützenswert ist, um Künste und Kultur zu fördern, die in einem stetigen Stoffwechsel mit der vielfältigen gesellschaftlichen Realität stehen.

Wenn ich diesen bereits seit Längerem existierenden Ideen etwas aus Sicht von Medienkunst und digitaler Kultur hinzufügen dürfte, wäre es, die Debatte über Technologie nicht auf die bloße Anwendung von Technik zu verengen, sondern sie als lebendige soziale und politische Diskussion zu verstehen, die alle etwas angeht und auch für alle zugänglich sein sollte. Technologie ist zu einem Teil der Natur geworden, die uns umgibt und längst schon auch unsere Körper und unser Bewusstsein durchdringt. Wir sollten versuchen, diese Prozesse zu verstehen und zu gestalten – nicht nur nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten. Sehr viele der aktuell drängenden Fragestellungen lassen sich als technologische Fragestellungen diskutieren. Eine Öffnung der Debatte und eine Verknüpfung zum Beispiel mit den aktuellen sozialen und ökologischen Bewegungen wird uns dabei helfen, uns im Dickicht der Gegenwart zu orientieren und unsere Vorstellungskraft für das, was möglich ist, zu trainieren.


Fabian Saavedra-Lara ist ein deutsch-chilenischer Kurator im Kontext Medienkunst und digitale Kultur. Er leitet seit 2013 das Büro medienwerk.nrw. Der Essay „Zurück in die Zukunft“ ist im März 2021 für die Kulturpolitische Gesellschaft e.V. im Blog #neueRelevanz entstanden.
Mehr Infos zum Kulturpolitischen Gesellschaft e.V.