Stiftung Zollverein | Julia Kaganskiy & Juliette Bibasse: „A Model World“

Bildschirmfoto 2021-05-05 um 14.16.40
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Stiftung Zollverein | Julia Kaganskiy & Juliette Bibasse: „A Model World“

FELLOWS: Julia Kaganskiy & Juliette Bibasse

MedienkunstfellowsResearch

Laufzeit: Dezember 2021 bis Juni 2022
A Model World ist ein Forschungsprojekt, das sich mit neuen Techniken zur Veränderung des Klimas, allgemein bekannt als Geoengineering, beschäftigt und diese aus Sicht der visuellen Kultur betrachtet. Es wurde von den Kuratorinnen Julia Kaganskiy und Juliette Bibasse im Frühjahr 2021 initiiert und läuft derzeit noch.

Wie der Kunsthistoriker T.J. Demos betont, scheint die Vorstellung, dass wir im Zeitalter des Anthropozäns leben, „die Notwendigkeit von Geoengineering zu implizieren“. Es lohnt sich daher, darüber nachzudenken, wie es dazu gekommen ist und wie spezifische Formen der Repräsentation, der Wissensproduktion, der Macht und des Begehrens das Konzept der Klimamanipulation nicht nur denkbar, sondern (für einige wenige Privilegierte) auch greifbar gemacht haben.
Einige würden sagen, dass der Mensch das Klima schon die ganze Zeit unabsichtlich verändert hat, so dass wir das Steuer genauso gut selbst in die Hand nehmen können. Diejenigen, die diesen Standpunkt vertreten, neigen dazu, die Klimasysteme der Erde als leichter zu regulieren anzusehen als die menschlichen Aktivitäten, die sie gestört haben. Viele Wissenschaftler warnen jedoch davor, dass wir die Umweltsysteme einfach nicht gut genug verstehen, um mit Zuversicht technische Lösungen einzuführen, und weisen darauf hin, dass die potenziellen Risiken zu groß sein könnten, um etwas wie Geoengineering verantwortungsvoll zu versuchen. Andere befürchten, dass Geoengineering ein „moralisches Risiko“ darstellt, da es die politische und soziale Notwendigkeit, die Emissionen fossiler Brennstoffe zu reduzieren, verringert. Trotz dieser Bedenken berücksichtigt der Zwischenstaatliche Ausschuss für Klimaänderungen (IPCC) der Vereinten Nationen seit 2018 in seinen Modellprognosen Klimamaßnahmen wie den großflächigen Abbau von Kohlendioxid und stellt fest, dass eine Begrenzung der Erderwärmung auf weniger als 1,5 °C nicht mehr allein durch die Senkung der Emissionen erreicht werden kann. Sogar Solar Geoengineering, der radikalere und riskantere Ansatz, wird von einigen als „unvermeidlich“ angepriesen.

Unser Forschungsinteresse an diesem Thema wurde zum Teil durch mehrere neuere populärwissenschaftliche Bücher wie Holly Jean Bucks After Geoengineering, Oliver Mortons The Planet Remade und Elizabeth Kolberts Under a White Sky angeregt, aber auch durch die Beobachtung, dass Künstler*innen langsam beginnen, sich in diesen Bereich vorzuwagen, indem sie die Geschichte der vom Menschen gestalteten Eingriffe in das Klima erforschen, technologische Lösungsansätze für das Umweltmanagement problematisieren, die implizite materielle Wiederherstellung der Atmosphäre untersuchen und ethische Fragen darüber aufwerfen, wem diese Eingriffe letztendlich zugute kommen.

Dank des Forschungsstipendiums des Medienwerks NRW konnten wir einen einmonatigen Aufenthalt in der Zeche Zollverein in Essen absolvieren, der im Rahmen des ersten Künstleraufenthalts des NEW NOW Festivals stattfand. Nordrhein-Westfalen schien uns aufgrund seiner Bergbauvergangenheit und seines Schwerpunkts auf industrieller Innovation ein geeignetes Terrain zu sein, um unsere Recherchen zu aktuellen technologischen Lösungen für den Klimawandel durchzuführen. Das Stipendium und der Aufenthalt gaben uns die Möglichkeit, die Wissenschaft des Geoengineering und die kritischen Diskurse, die es umgeben, zu vertiefen sowie Interviews mit Wissenschaftlern, Forschern, Künstlern und Kuratoren zu führen, deren Arbeit sich mit diesem Themenbereich überschneidet.

Heute ist Geoengineering noch weitgehend hypothetisch, aber wie die Umweltsoziologin Holly Jean Buck anmerkt, „ist es ein Thema, das wahrscheinlich nicht verschwinden wird, bis entweder ernsthaft Schadensbegrenzung betrieben oder das Konzept des Geoengineering durch etwas Besseres ersetzt wird; solange sich der Klimawandel verschlimmert, ist das Gespenst immer da“.

Die Ergebnisse unseres Aufenthalts und unsere bisherigen Forschungen sind auf der Projektwebsite zu finden: www.a-model-world.net/

Die gemeinnützige Stiftung Zollverein wurde 1998 von der Stadt Essen und dem Land Nordrhein-Westfalen gegründet, Zustifter ist der Landschaftsverband Rheinland. Neben der Förderung von Kultur und Denkmalpflege hat die Stiftung die zentrale Aufgabe, die Bestandsgebäude und Anlagen des UNESCO-Welterbes Zeche und Kokerei denkmalgerecht zu erhalten, zu sichern und für eine künftige Nutzung zu entwickeln. Mehr Infos auf www.zollverein.de/

Abb. Quelle: www.a-model-world.net